ESSEN (dpa-AFX) - Der Chemikalienhändler Brenntag
Das Papier kletterte zunächst gegen den schwachen Markttrend um fast zwei Prozent, radierte die Gewinne aber wieder aus und gab zuletzt leicht um 0,3 Prozent nach auf 53,56 Euro. Dabei haben die durch die Auseinandersetzungen am Persischen Golf ausgelösten Marktschwankungen in diesem Jahr auch den Brenntag-Kurs schon stark getroffen: Anfang März war das Papier auf ein Tief seit fast sechs Jahren bei 43,72 Euro gefallen, von dem aus es sich bis zum Zwischenhoch Anfang Mai um fast die Hälfte verteuert hatte. Seitdem hatte die Aktie aber um bis zu 17 Prozent wieder nachgegeben. Durch die aktuellen Kursgewinne vergrößert sich nunmehr das Plus seit dem Jahresbeginn auf immerhin knapp neun Prozent.
Das Management um Brenntag-Chef Jens Birgersson rechnet nun damit, dass das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im laufenden Jahr bei 1,25 bis 1,40 Milliarden Euro herauskommen wird. Das neue Ziel liegt damit im Mittelpunkt in etwa gleichauf mit den jüngsten Markterwartungen, am oberen Ende aber klar darüber. Bisher hatte die Brenntag-Spitze ein operatives Ergebnis von 1,15 bis 1,35 Milliarden Euro für 2026 im Visier gehabt - nach einem Rückgang um knapp 9 Prozent auf 1,29 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Im zweiten Quartal erzielte der Konzern den eigenen ersten Berechnungen zufolge ein operatives Ergebnis "um die 450 Millionen Euro", dies wäre ein Plus von fast 35 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreswert. Laut Analysten hat der Konzern damit die Markterwartungen deutlich übertroffen. Das operative Quartalsergebnis des Chemikalienhändlers liege rund 23 Prozent über der Konsensschätzung, schrieb etwa Nicole Manion von der Schweizer Großbank UBS. Die endgültigen Zahlen zum zweiten Quartal soll es am 12. August geben. Noch zu Jahresbeginn hatte Brenntag unter den Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten gelitten, Umsatz und operatives Ergebnis waren im ersten Quartal spürbar zurückgegangen. Doch in der Folge spielte der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus, durch die sonst rund ein Fünftel des Weltölhandels läuft, einigen europäischen Spezialchemiekonzernen sogar in die Hände: Sie konnten weiterhin verlässlich liefern und teilweise sogar die Preise deutlich anheben, während vor allem asiatische Anbieter wegen ihrer starken Abhängigkeit von den Lieferungen aus Nahost unter den gestörten Logistikketten und Versorgungsengpässen litten.
Bezüglich dieser Sonderkonjunktur für die europäische Spezialchemie traten einige Experten zuletzt aber bereits auf die Euphoriebremse - so etwa Chetan Udeshi von JPMorgan. In Europas Chemiebranche übernehme der strukturelle Gegenwind bei nachlassendem Auftrieb durch die Kriegsfolgen wieder die Oberhand, schrieb er. Brenntag zählt sogar zu den von ihm am schwächsten eingeschätzten Werten.
Auch Brenntag selbst betonte trotz Prognoseanhebung, wegen der weiterhin bestehenden Unsicherheiten vorsichtig bleiben zu wollen. Dabei verwies der Konzern auch auf das Risiko, dass die Nachfrage in der zweiten Jahreshälfte wieder schwächeln könnte. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage hat der erst seit dem 1. September 2025 amtierende Brenntag-Chef Birgersson das Korsett inzwischen noch enger geschnürt. Ursprünglich wollte der Konzern bis 2027 jährliche 300 Millionen Euro einsparen. Im März kündigte das Management dann das Ziel an, die Kosten bis dahin um weitere 200 bis 250 Millionen Euro im Vergleich zu 2025 senken.
Der Konzern straffte bereits etwa administrative Prozesse und beseitigte Doppelstrukturen. Auch Standortschließungen und der Abbau von Arbeitsplätzen zählten in der jüngeren Vergangenheit schon zum Sparprogramm. Birgersson will den Konzern mit weltweit gut 17 000 Mitarbeitenden aber noch effizienter aufstellen. Dazu sollen zentrale Strukturen vereinfacht und die Kostenbasis weiter verbessert werden. Eine neue Strategie will der Vorstand am 12. November im Rahmen eines Kapitalmarkttags vorstellen./tav/err/stk
Quelle: dpa-Afx