In Deutschland gibt es 3,8 Millionen Selbstständige. Bis zum Jahr 2030 stehen schätzungsweise 186.000 Unternehmensnachfolgen an, weil die Eigentümer altersbedingt aus der Geschäftsführung ausscheiden. Experte Thorsten Amend-Schnaar erklärt, wie ein nahtloser Übergang gelingen kann und welche Gefahren drohen.
Börse Online: Für viele Unternehmer ist das eigene Unternehmen der größte Vermögenswert – warum wird die Nachfolge damit zunehmend auch zu einer Frage der Vermögenssicherung?
Thorsten Amend-Schnaar: Bei vielen Unternehmern steckt der größte Teil des Vermögens nicht im Depot, sondern im eigenen Unternehmen. Dieses Vermögen ist aber nur dann wirklich gesichert, wenn das Unternehmen auch ohne die bisher prägende Unternehmerpersönlichkeit stabil weitergeführt werden kann.
Nachfolge ist deshalb keine reine Personalfrage. Sie entscheidet darüber, ob ein Lebenswerk übertragbar bleibt. Der Wert eines Unternehmens hängt nicht nur an Maschinen, Immobilien oder Kundenverträgen, sondern auch an Vertrauen, Führung, Kultur und gewachsenen Beziehungen.
Gehen diese Faktoren beim Übergang verloren, geht schnell Unternehmenswert verloren. Gute Nachfolge schützt deshalb die Zukunft des Unternehmens und das private Vermögen der Unternehmerfamilie.
Wo sehen Sie die größten Risiken für das private Vermögen von Unternehmern, wenn die Nachfolge nicht frühzeitig und strukturiert geregelt wird?
Das größte Risiko ist der schleichende Wertverlust. Der passiert selten über Nacht. Er beginnt oft damit, dass Entscheidungen vertagt werden, Führungskräfte unsicher werden, Banken genauer nachfragen oder Kunden spüren, dass die Zukunft nicht geklärt ist.
Viele Unternehmer unterschätzen, wie stark ihr Unternehmen an der eigenen Person hängt. Wenn zentrale Kundenbeziehungen, Wissen und Entscheidungen nicht übertragbar sind, wird aus einem werthaltigen Unternehmen schnell ein schwer verkäufliches Unternehmen.
Hinzu kommen Konflikte in Familie oder Gesellschafterkreis sowie das Risiko einer falschen Besetzung. Eine Nachfolgeentscheidung aus dem Bauch heraus kann gutgehen. Bei einem Lebenswerk würde ich mich darauf aber nicht verlassen.
Welche Rolle spielen dabei Faktoren wie Bewertung, Timing und Marktumfeld – also Themen, die auch für Kapitalanleger relevant sind?
Eine große Rolle. Unternehmer denken beim eigenen Unternehmen oft langfristiger und emotionaler als Kapitalanleger. Trotzdem gelten auch hier marktwirtschaftliche Regeln.
Bewertung hängt von Ertragskraft, Wachstumsperspektive, Managementqualität, Abhängigkeiten und Marktumfeld ab. Ist die Nachfolge ungeklärt, entsteht fast automatisch ein Risikoabschlag. Investoren, Banken oder Käufer fragen dann zu Recht: Wie stabil ist dieses Unternehmen, wenn die prägende Person nicht mehr operativ führt?
Auch das Timing ist entscheidend. Wer erst handelt, wenn der Druck hoch ist, verliert Optionen. Gute Nachfolge braucht Zeit: für Klärung, Auswahl, Vertrauen und Übergabe. Ein Unternehmer muss sein Unternehmen nicht wie eine Aktie betrachten. Aber er sollte verstehen, dass auch sein Unternehmen einem Markt ausgesetzt ist.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Weichenstellungen, um aus einer Unternehmensnachfolge tatsächlich eine erfolgreiche Vermögensnachfolge zu machen?
Am Anfang braucht es Klarheit über das Ziel. Soll das Unternehmen in der Familie bleiben? Soll ein Fremdgeschäftsführer eingesetzt werden? Ist ein Verkauf denkbar? Oder braucht es eine Mischform mit Beirat, Family Office oder strategischem Partner?
Danach müssen Rollen, Verantwortung und Governance sauber geregelt werden. Gerade in Familienunternehmen reicht es nicht, einen Nachfolger zu benennen. Es muss klar sein, wer führt, wer kontrolliert, wer beteiligt ist und wer sich bewusst heraushält.
Entscheidend ist außerdem eine ehrliche Einschätzung der Menschen. Hat die nächste Generation den Willen und die Fähigkeit zur Führung? Gibt es interne Kandidaten mit Potenzial? Oder braucht es externe Führung? Fachliche Kompetenz ist wichtig, reicht aber nicht. Entscheidend ist, ob eine Person in genau diesem Umfeld wirksam führen kann.
Beobachten Sie aktuell Veränderungen im Markt – etwa durch Investoren, Family Offices oder steigendes Kapitalinteresse, die Unternehmer bei ihrer Nachfolgeplanung berücksichtigen sollten?
Ja, eindeutig. Der Mittelstand ist für Investoren, Family Offices und strategische Käufer sehr attraktiv. Vor allem dann, wenn Unternehmen profitabel, gut geführt und klar positioniert sind. Das eröffnet Unternehmern zusätzliche Optionen.
Aber Kapital allein ist noch keine gute Nachfolgelösung. Entscheidend ist, ob ein Investor zum Unternehmen, zur Kultur und zur langfristigen Zielsetzung passt. Ein Family Office kann sehr gut funktionieren, wenn es langfristig denkt und die unternehmerische Identität respektiert. Ein Finanzinvestor kann sinnvoll sein, wenn Wachstum oder Professionalisierung im Vordergrund stehen.
Was ist hier Ihr genereller Rat bei der Vermögensnachfolge?
Unternehmer sollten früh verstehen, welche Optionen sie haben. Nicht jeder Verkauf bedeutet Kontrollverlust. Nicht jede familieninterne Lösung ist automatisch die beste. Und nicht jeder externe Geschäftsführer passt zur DNA des Unternehmens. Wer früh beginnt, hat Auswahl. Wer spät beginnt, hat Druck. Und Druck ist selten ein guter Ratgeber – weder bei Kapitalanlagen noch bei der Übergabe eines Unternehmens.
Zur Person:
Thorsten Amend-Schnaar ist geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Höchsmann & Company. Die Firma unterstützt mittelständische und Familienunternehmen sowie internationale Unternehmen in den Bereichen Executive Search, Board Search, Nachfolgeplanungen sowie Management-Diagnostik und Leadership Coaching.