Charttechnisch betrachtet befindet sich der Goldpreis derzeit in einer schwierigen Phase. Mittlerweile rutschte der Goldpreis deutlich unter seine viel beachtete 200-Tage-Linie. Viele Anleger fragen sich dennoch, ob man bereits wieder einsteigen sollte?
Belastet wurde Gold zuletzt von mehreren Faktoren. Neben den charttechnischen Verkaufssignalen werden vor allem die Stärke des Dollars und die gestiegenen Anleiherenditen als Argumente gegen das Edelmetall genannt. Hinzu kommen Spekulationen auf eine straffere Geldpolitik der US-Notenbank. Die Eskalation zwischen den USA und dem Iran führte zwar zu steigenden Ölpreisen und damit zu höheren Inflationssorgen, gleichzeitig erhöhte sich damit aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed ihre Zinsen länger hoch hält oder sogar weiter anhebt. Da Gold keine laufenden Erträge abwirft, reagieren viele Marktteilnehmer auf steigende Renditen häufig mit Goldverkäufen.
Dollarstärke auf dem Prüfstand
Auf den ersten Blick erscheint die Dollarstärke als schlüssiges Argument gegen Gold. Ein fester Dollar verteuert das Edelmetall für Käufer außerhalb der Vereinigten Staaten und kann die Nachfrage dämpfen. Allerdings lohnt sich ein genauerer Blick auf die langfristigen Rahmenbedingungen.
Die USA weisen inzwischen eine Staatsverschuldung von über 39 Billionen Dollar auf. Gleichzeitig wachsen die Haushaltsdefizite weiter. Hinzu kommen geopolitische Spannungen und ein erodierendes Vertrauen in die internationale Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Sanktionen gegen zahlreiche Staaten, Konflikte mit Handelspartnern sowie außenpolitische Streitfragen rund um Iran, Grönland, Kuba, Venezuela oder den Panamakanal haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass immer mehr Länder ihre wirtschaftlichen Abhängigkeiten vom Dollar reduzieren möchten.
Nicht ohne Grund haben zahlreiche Zentralbanken ihre Goldreserven in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt. Gold wird dabei zunehmend als neutraler Vermögenswert betrachtet, der nicht von politischen Entscheidungen einzelner Staaten abhängig ist. Vor diesem Hintergrund erscheint fraglich, ob die aktuelle Dollarstärke tatsächlich ein dauerhaftes Phänomen darstellen wird.
Hohe Renditen sind nicht nur positiv
Ähnlich differenziert sollte man die steigenden Anleiherenditen betrachten. Zwar erhöhen steigende Zinsen die Opportunitätskosten eines Goldinvestments (-> Zinsverzicht), gleichzeitig gelten sie aber gemäß der Finanzmarklehre auch als ein Indiz für steigende Risiken im Finanzsystem. Je höher die Zinsen ausfallen, desto schwieriger wird die Finanzierung für Staaten, Unternehmen und private Haushalte. Die Schuldentragfähigkeit sinkt und das Risiko von Zahlungsausfällen steigt. Gleichzeitig verschlechtert sich häufig die Bonität vieler Schuldner und damit die Sicherheit klassischer Finanzanlagen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Selbst hohe Nominalzinsen bieten keinen Schutz vor Kaufkraftverlusten, falls die Inflation noch stärker steigt. In einem solchen Umfeld entstehen dann negative Realzinsen. Für Goldanleger ist letztlich entscheidend, wie sich die reale Verzinsung entwickelt. Historisch betrachtet konnte das Edelmetall besonders dann profitieren, wenn die Kaufkraft von Geldvermögen unter Druck geriet.Zudem besitzt physisches Gold einen Vorteil, den Anleihen oder Bankguthaben nicht bieten: Es ist frei von Kontrahentenrisiken. Während Schuldverschreibungen stets von der Zahlungsfähigkeit eines Emittenten abhängen, bleibt Gold ein Sachwert ohne Ausfallrisiko.
Fazit: Kurzfristig bleibt die Lage angespannt. Die Unterschreitung wichtiger charttechnischer Marken spricht dafür, dass weitere Rückschläge nicht ausgeschlossen werden können. Solange das Momentum negativ bleibt, besteht ein erhöhtes Timingrisiko für neue Käufe. Langfristig erscheint die Situation jedoch weniger eindeutig. Hohe Staatsverschuldung, geopolitische Unsicherheiten, Zentralbankkäufe und die Frage nach der langfristigen Stabilität des internationalen Finanzsystems sprechen weiterhin für Gold. Die aktuell schwache Marktstimmung sollte daher eher als Chance betrachtet werden, die privaten Goldreserven günstig aufzustocken.
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