Damit Kurse crashen, genügt eine zuvor euphorische Stimmung – auch wenn diese schon etliche Monate zurückliegt. Autor Stefan Risse ordnet das Sentiment ein.
Es steht der Herbst an, der berüchtigt ist für Börsencrashs. Müssen wir uns deshalb in diesem Jahr Sorgen machen? Bezüglich der Bewertungen ohnehin schon länger, sie liegen weit über dem historischen Durchschnitt. Diese Erkenntnis nützt aber für das Timing nichts.
Um zu erahnen, ob es zeitnah zu einem stärkeren Kurseinbruch kommen wird, lässt sich allenfalls auf Stimmungsindikatoren zurückgreifen. An ihnen lässt sich auch ablesen, wann ein Markt nach einem Crash oder einem Bärenmarkt wieder nach oben dreht.
Stimmung als Taktgeber
Es gibt allerdings Unterschiede bei der Interpretation von Stimmungsindikatoren — nach einem Ausverkauf und im Unterschied dazu nach einem starken Anstieg. Tatsächlich ist es so, dass auf dem Höhepunkt des Pessimismus, also der schieren Verkaufspanik, die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass der Markt nach oben dreht. Das zeigt die Historie eindeutig.
Aber ist auch Euphorie nötig, damit der Markt stark fallen kann, also ein Crash ansteht? Hier hat sich gezeigt, dass dem nicht so ist. Euphorie muss zwar vorhanden gewesen sein, häufig gab es den Höhepunkt in der Stimmung aber schon Monate zuvor.
Blaupause 1987
Eine wunderbare Blaupause liefert der Börsencrash 1987, bei dem der Dow Jones am 19. Oktober jenes Jahres an einem einzigen Tag 22 Prozent verlor. Der Stimmungshöhepunkt lag aber nicht im Oktober vor dem Sturz, sondern bereits im Februar. Die Kurse stiegen zunächst weiter und erreichten im August ihren Höhepunkt — bei guter Stimmung, aber eben nicht mehr euphorisch. Ab August bröckelten die Kurse dann ab, und vor dem Crash im Oktober war die Laune der Börsianer nur noch neutral — ablesbar an der Stimmung der US-Börsenbriefe.
Dieses Phänomen habe ich häufiger beobachtet: Monate zuvor haben Anleger riesige, teilweise auf Kredit gehebelte Positionen aufgebaut. Die Skepsis steigt zwar, wenn die Kurse bröckeln, aber die echte Ausverkaufswelle startet erst, wenn die Buchverluste in den Depots so groß werden, dass entweder das Eigenkapital nicht reicht oder schlicht die Nerven versagen. Dann kommt es trotz bereits verhaltener Stimmung zur Massenpanik — und zum Crash.
Lage 2025: Zutaten für einen Crash?
In diesem Jahr haben wir den Stimmungshöhepunkt am Jahresanfang erlebt. Es folgte die Marktbereinigung im April. Mit der folgenden Erholung ist die Stimmung wieder gestiegen, auch auf sehr hohe Werte. Zuletzt hat sie jedoch wieder nachgelassen.
Der Fear and Greed Index (CNN) stand zwischenzeitlich mal auf extreme Gier, aktuell notiert er nur noch im neutralen Bereich. Die Zutaten für einen Crash sind somit vorhanden. Die zuletzt abgekühlte Stimmung spricht jedenfalls nicht dagegen, zumal die Spekulationswut amerikanischer Privatanleger nach wie vor riesig ist, wie Google-Suchen von Privatanlegern zeigen.
Außerdem tummeln sich viele wieder im Bereich der Magnificent Seven — das Segment, das die Erholung ab April anführte, in den letzten Tagen aber zur Schwäche neigte. Womöglich ein Vorbote für mehr Ungemach — was aber nicht bedeuten muss, dass die Kurse wie 1987 abstürzen.
Zum Autor: Der Kapitalmarktstratege der Fondsgesellschaft Acatis analysiert einmal monatlich in BÖRSE ONLINE die wichtigsten Sentimentindikatoren. Bekannt wurde Riße Anfang der 2000er-Jahre als Börsenkorrespondent des Fernsehsenders n-tv. 2010 erschien sein Buch „Die Inflation kommt“.
Hinweis: Der Artikel stammt aus der aktuellen Heftausgabe von BÖRSE ONLINE (35/25), die Sie hier finden.
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