Strategie

 Gewinner bleiben Gewinner. Diese verblüffend einfache Idee verspricht auf lange Sicht überdurchschnittliche Rendite. Warum Momentum funktioniert, die Favoriten aus dem DAX zum neuen Jahr 

Die wahrscheinlich einfachste Börsenstrategie der Welt: Jeweils zu Jahresbeginn werden aus dem DAX die fünf Aktien ausgewählt, die in den vorangegangenen zwölf Monaten die beste Performance geliefert haben. Diese Titel werden dann zwölf Monate gehalten, ehe das Minidepot neu bestückt wird. Die übergeordnete Idee: Gewinneraktien bleiben Gewinner. In der Rückrechnung bis zur großen Finanzkrise haben die Top 5 des Vorjahres den DAX deutlich geschlagen.

Warum sollte eine so einfache Strategie dauerhaft funktionieren? Gewinneraktien sind Momentum-Werte. Im Sinne der Börsenpsychologie profitieren sie von systematischem Fehlverhalten. Der Mensch neigt dazu, die Dynamik neuer Entwicklungen zu unterschätzen. Die Verlustangst wiederum macht es schwer, in Aktien zu investieren, die bereits deutlich gestiegen sind. Dadurch werden neue Trends erst über lange Zeiträume im Kurs verarbeitet.

Problematisch wird die Strategie, wenn große Trends brechen. Der Crash zur globalen Finanzkrise traf die Strategie hart. Im Absturz verlor das Minidepot besonders deutlich, im ersten Jahr der Erholung lief es ebenfalls nicht gut. Das lässt sich erklären: Momentum-Werte sind bereits deutlich gestiegen und damit anfällig für Korrekturen. Nach einem heftigen Einbruch werden dann zunächst jene Aktien nach oben gespült, die zuvor extrem verloren haben, also genau das Gegenteil von Momentum. Schwierig war auch die Corona-Zeit, weil es in der Pandemie wenige Krisengewinner gab, die dann schnell in Ungnade fielen.

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BO Data/small charts
Siemens Energy: Die Aktie des DAX-Konzerns erreichte in einem starken Börsenjahr im Dezember ein neues Rekordhoch. Analysten sehen weiter Potenzial.

Fünf für 2026

Wie würde das Top-5-Depot für das neue Jahr aussehen? Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe lagen die Schlusskurse noch nicht vor, ein deutlicher Trend aber war zu erkennen. Die Strategie wird dieses Mal auf eine besonders harte Probe gestellt, weil die Top-Performer aus dem DAX extrem zugelegt haben.

Die erste Aktie ist Rheinmetall. Der Kurs des Rüstungskonzerns steigt bereits seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Seit dem Rekordhoch im Oktober allerdings ging es um rund 25 Prozent nach unten. Ein Waffenstillstand in der Ukraine dürfte den Kurs zumindest vorerst weiter schwächen. Eine Sorge wäre, dass die europäischen NATO-Staaten ihre Investitionen in die Verteidigung angesichts knapper Kassen zurückfahren. Dagegen sprechen die weiterhin großen Bestandslücken in den über Jahrzehnte hinweg vernachlässigten Armeen.

Auch bei Siemens Energy ist der Kurs massiv gestiegen. Die Aktie notiert nahe am Rekordhoch. Erst Anfang Dezember haben die Analysten von JP Morgan die Aktie auf „Übergewichten“ hochgestuft. „Wir räumen ein, dass es schwierig ist, eine Aktie zu kaufen, wenn der Aktienkurs der letzten zwei Jahre praktisch senkrecht nach oben verläuft. Allerdings war der Ausgangspunkt eine Beinahepleite infolge der inzwischen behobenen Probleme bei Gamesa“, erklärt JP Morgan. Steigende Stromnachfrage, ausverkaufte Kapazitäten und langfristige Serviceverträge würden hohe, stabile Cashflows sichern und eine höhere Bewertung der Aktie rechtfertigen, argumentiert die Investmentbank.

Sie habe nnoch keine Bankaktien im Depot?

Für europäische Banken, darunter Commerzbank und Deutsche Bank, war 2025 ein außerordentlich erfolgreiches Jahr. Die Branche habe die Basis für weitere Kapitalausschüttungen und Gewinnwachstum gelegt, loben die Analysten von Goldman Sachs. Für 2026 werde sich der Fokus von Zinsen und Kreditrisiken auf Wachstum und Effizienz verschieben. Volumengetriebenes Ertragswachstum sowie operative Hebel dürften die Kapitalrendite weiter steigern. Um nicht zu stark von einer Branche abzuhängen, würden wir für unser Depot nur eine Bankaktie berücksichtigen. Für die Deutsche spricht das im Vergleich zur Commerzbank niedrigere Verhältnis von Kurs- und Buchwert.

Heidelberg Materials profitiert von Preiserhöhungen und Kostensenkungen. Stärkere Investitionen in die europäische Infrastruktur würden die Nachfrage antreiben. Zusätzliche Kursfantasie bringt ein Wiederaufbau der Ukraine. In diesem Sinne würde Heidelberg Materials das Risiko bei Rheinmetall abfedern.

Ein(e) Bayer im Himmel

Als Nachrücker für die Commerzbank ist Bayer der fünfte Wert. Die Aktie des Pharma- und Agrarkonzerns ist nach langer Schwächephase stark gestiegen, weil Börsianer auf eine für die Rheinländer vorteilhafte Eingrenzung des Glyphosat-­Rechtsstreits setzen. Schon früh im neuen Jahr dürfte der Oberste Gerichtshof der USA entscheiden, ob er den Fall annimmt. Ein Urteil könnte dann noch 2026 fallen. Das Risiko für Bayer bleibt groß, die Aussichten aber haben sich deutlich verbessert. Ein Befreiungsschlag vor Gericht würde Kurspotenzial freisetzen.

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BO Data; Stand: 22.12.2025

Hinweis auf Interessenskonflikte:

Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin ­Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf ­bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die ­Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung pro­fitieren können: Bayer.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von BÖRSE ONLINE

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