Die Luftfahrtindustrie hat sich nach der Pandemie schnell erholt. Warum Deutschlands wichtigste Fluggesellschaft bereit ist für einen neuen Höhenflug. Von Sven Parplies.

Der Bestellzettel ist lang: 240 neue Flugzeuge, davon 100 für die Langstrecke, hat die Lufthansa bei Boeing und Airbus in Auftrag gegeben. Weil die Hersteller überlastet sind und mit großen Engpässen der Zulieferer kämpfen, müssen sich die Airlines gedulden. Ein Beispiel: Die Lufthansa dürfte, wenn alles gut läuft, im Herbst die ersten von vor zwölf Jahren bestellten 787 Dreamliner auf Reisen schicken können.

Comeback der Luftfahrt

Neue Flugzeuge sind bei Airlines rund um den Globus begehrt. „Jedes neue Flugzeug erfreut unsere Controller. Weil es 25 bis 30 Prozent geringere Treibstoffkosten und einen deutlich niedrigeren Wartungsaufwand aufweist und gleichzeitig höhere Erlöse erzielt“, rechnete Lufthansa-Chef Carsten Spohr auf der Hauptversammlung des Konzerns vor.

Nach dem Corona-Stillstand erlebt die Luftfahrtindustrie ein bemerkenswertes Comeback. Rund fünf Milliarden Passagiere dürften laut Schätzung des Branchenverbands IATA im laufenden Jahr in ein Flugzeug steigen – neun Prozent mehr als im Jahr vor der Pandemie. Der operative Gewinn dürfte mit 66 Milliarden Dollar sogar um mehr als 50 Prozent höher ausfallen.

Und doch hält sich die Euphorie in Grenzen. Die Branche hat einfach zu viele und schwere Turbulenzen durchlebt. Ein grundlegendes Problem: die durch den harten Wettbewerb und hohe Kosten niedrige Marge. Netto dürften in der Branche dieses Jahr 7,20 Dollar pro Passagier als Gewinn bleiben. Auf einem so niedrigen Niveau darf man sich nicht viele Fehler erlauben.

Europas größte Airline

Die Lufthansa ist zur größten Airline Europas aufgestiegen und kann dadurch in vielen Bereichen Synergien heben. Unter dem Dach des Konzerns fliegen die Netzwerk-Airlines Lufthansa, Swiss, Austrian, Brussels und inzwischen auch die italienische ITA. Hinzu kommen Regionalgesellschaften wie Lufthansa Cityline oder auch die auf die Kurz- und Mittelstrecke ausgerichtete Eurowings.

In diesem Jahr wird die Lufthansa erstmals mehr Flugzeuge an ihren ausländischen Drehkreuzen stationieren als an ihren beiden deutschen Hauptstandorten Frankfurt und München. Mit Mailand-Linate hat der Kranich durch ITA Zugang zum zweitgrößten Einzugsgebiet der Europäischen Union. Die Koordination der komplexen Netzwerke wird durch die Digitalisierung vereinfacht.

Sorgen im Passagiergeschäft

Ausgerechnet das Herzstück des Konzerns, das Passagiergeschäft der Hauptmarke Lufthansa, bereitet Sorgen. Eines der Probleme sind die hohen Kosten am Standort Deutschland. Auch wegen diverser Sonderbelastungen, etwa durch Streiks, verbuchte die Lufthansa-Airline im vergangenen Jahr sogar einen Verlust.

Den Turnaround will Spohr mit 700 Einzelmaßnahmen erreichen. Eine aus Sicht der Passagiere wichtige Neuerung: die überarbeitete Ausstattung der Langstreckenflugzeuge, die mehr Komfort bieten und damit vor allem zahlungskräftige Geschäftsreisende anlocken soll.

Lukrative Nebengeschäfte

Gut unterwegs sind die beiden anderen Sparten des Lufthansa-Konzerns:

Technik – Sie steuerte im vergangenen Jahr 13 Prozent des Außenumsatzes bei. Die Sparte kümmert sich um Wartung und Reparatur von Maschinen, auch für andere Airlines. Das hohe Flugaufkommen weltweit und die Lieferengpässe der Flugzeugbauer, die alte Maschinen länger im Einsatz halten, sorgen für hohe Nachfrage. Im ersten Halbjahr erzielte die Technik mit einem bereinigten Ebit von 310 Millionen Euro ein Rekordergebnis.

Cargo – Die Frachtsparte, die zuletzt neun Prozent des Konzernumsatzes lieferte, profitiert von Kapazitätsengpässen in der Seefracht sowie vom starken Wachstum chinesischer Onlinehändler auf dem europäischen Markt. Auch der Zollstreit zwischen den USA und China spielt Lufthansa Cargo in die Karten. „Je turbulenter die weltwirtschaftliche Entwicklung, desto größer die Nachfrage nach kurzfristigen interkontinentalen Transportleistungen per Flugzeug“, so Spohr.

Starke Ergebnisse und Ausblick

Die Geschäftsergebnisse im ersten Halbjahr lagen über den Erwartungen der Analysten. Alle Airlines des Konzerns schreiben inzwischen schwarze Zahlen. Für das Gesamtjahr soll der operative Gewinn vor Sonderposten den Vorjahreswert von 1,6 Milliarden Euro deutlich übertreffen. Der Konsens steht bei etwas mehr als 1,8 Milliarden Euro, was einem Anstieg um rund elf Prozent entsprechen würde.

Die Aktie im Zyklus

Der Langfristchart der Aktie zeigt, wie mühselig das Geschäft in der Airlinewelt ist. Auf lange Sicht war mit der Lufthansa wenig zu holen. Aber: Es gibt ein faszinierendes Muster. In Krisenzeiten findet der Kurs meist zwischen fünf und sechs Euro einen Boden. Dreht der Branchenzyklus nach oben, waren Kurse in der Region von 15 Euro oder sogar höher drin. Die Aktie ist also kein klassisches Langfristinvestment, sondern eher ein Papier für Trader, die auf den Konjunkturzyklus setzen.

Geht man davon aus, dass sich die Wirtschaft in Europa im kommenden Jahr – etwa durch das deutsche Konjunkturprogramm – erholt und die Lufthansa heute strukturell stärker aufgestellt ist als in früheren Jahren, bestehen gute Chancen auf einen neuen Höhenflug des Kranichs

Hinweis: Der Artikel stammt aus der aktuellen Heftausgabe von BÖRSE ONLINE (35/25), die Sie hier finden.

Lesen Sie dazu auch: Lufthansa: Aktie mit turbulentem Handel nach starken Quartalszahlen

Und: Aktie der Deutschen Bank auf Talfahrt – das sind die Gründe

Deutsche Lufthansa (WKN: 823212)

Hinweis auf InteressenkonflikteDer Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Deutsche Lufthansa