Das Tech-Schwergewicht positioniert sich als Profiteur des KI- und Quanten-Booms. Der aktuelle Rücksetzer vom Rekordhoch ist eine Kaufchance.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 10. Juni in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 25/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Groß, traditionsreich, etwas behäbig — lange Zeit ließ sich das Tech-Urgestein IBM so recht gut beschreiben. Bis Mitte Mai. Da hat die Aktie von „Big Blue“ plötzlich einen Gang höher geschaltet und in der Spitze rund 55 Prozent gewonnen. Allein in der Vorwoche standen zeitweise ein Plus von mehr als zehn Prozent und ein Rekordhoch von 332,46 US-Dollar auf der Kurstafel. Der Grund: Anleger haben begonnen, die strategische Neuausrichtung des Konzerns einzupreisen. Der Fokus verschiebt sich weg von margenschwachen IT-Dienstleistungen hin zu lukrativen Software-Ökosystemen und zukunftsweisender Deep-Tech-Infrastruktur.

Milliarden für Quantencomputer

Die größte Wachstumschance für IBM liegt im Bereich des Quantencomputings, wo das Unternehmen zu den globalen Technologieführern zählt. Um diesen Vorsprung zu zementieren, hat das Management eine strategische Investitionsoffensive im Volumen von über zehn Milliarden Dollar für die kommenden fünf Jahre angekündigt. Die Kapitalallokation fließt in die Erforschung, Entwicklung und kommerzielle Skalierung fehlertoleranter Systeme. Bis zum Jahr 2029 soll der weltweit erste kommerziell nutzbare Quantencomputer mit der Bezeichnung IBM Quantum Starling einsatzbereit sein. Dieses System bildet das Fundament für die Nachfolgegeneration Blue Jay, die für eine Milliarde Quantenoperationen über 2.000 Qubits ausgelegt ist.

Das kommerzielle Ökosystem steht bereits: Über 340 Partnerorganisationen, darunter führende Institutionen aus der Finanzindustrie, dem Gesundheitswesen und den Materialwissenschaften, greifen auf die bestehende Quanteninfrastruktur von IBM zu. „Das Quantenzeitalter liegt nicht mehr vor uns, es hat begonnen. Unsere Kunden, Partner und Nutzer auf der ganzen Welt greifen zu Quantencomputern von IBM, um Aufgaben zu bewältigen, die vor wenigen Jahren noch unmöglich waren“, sagt IBM-Chef Arvind Krishna. 

Ein wesentlicher Baustein der Skalierungsstrategie ist der Bau der weltweit ersten reinen Quantenwafer-Fabrik namens Anderon in den Vereinigten Staaten. IBM unterstützt dieses Infrastrukturprojekt mit einer Milliarde Dollar in bar, flankiert von erheblichen staatlichen Zuschüssen aus dem US-amerikanischen CHIPS Act. Bereits im laufenden Jahr will das Management die sogenannte Quantenüberlegenheit („Quantum Advantage“) erreichen, bei der Quantenrechner klassischen Supercomputern bei realen wissenschaftlichen Problemstellungen überlegen sind. Damit verlässt die Technologie das experimentelle Stadium und tritt in die Phase der kommerziellen Monetarisierung ein.

Nvidia-Chef gibt Entwarnung

Neben dem Quantencomputing profitiert das klassische Softwaresegment von einer grundlegenden Neubewertung des Markts bezüglich generativer KI. Nvidia-CEO Jensen Huang räumte auf der Technologiemesse Computex in Taipeh mit den Bedenken auf, neue KI-Tools könnten heutige Softwareplattformen verdrängen. Huang betonte in seiner Keynote, dass das anbrechende Zeitalter der autonomen KI-Agenten eine massive Nachfrage nach robuster, etablierter Software-Infrastruktur auslösen wird. Da diese intelligenten Agenten zwingend auf komplexe, strukturierte Softwaretools und Datenbanken zugreifen müssen, steigen Plattformanbieter wie IBM zu den primären Profiteuren der KI-Infrastrukturwelle auf. Die unternehmenseigene KI-Datenplattform Watsonx ermöglicht es Firmenkunden, generative Modelle direkt in bestehende, geschützte Workflows zu integrieren. Dies sichert IBM langfristig wiederkehrende, hochmargige Lizenzerträge und stärkt die Kundenbindung im lukrativen B2B-Sektor. Mit rund 44 Prozent Anteil am Konzernumsatz ist das Softwaregeschäft die größte Sparte. Entsprechend groß war die Erleichterung über die Aussagen des Nvidia-Chefs.

Das Quantenzeitalter liegt nicht mehr vor uns, es hat begonnen.

Arvind Krishna CEO von IBM

Noch reichlich Luft nach oben

Für das laufende Geschäftsjahr prognostizieren die von Bloomberg befragten Analysten im Schnitt einen Nettogewinn von 11,8 Milliarden Dollar bei Erlösen von 71,5 Milliarden Dollar. Daraus ergibt sich ein KGV von 23,0. Die Bewertung liegt damit aktuell zwar über dem historischen Durchschnitt, spiegelt aber die laufende Neubewertung angesichts des fundamentalen Wandels der Erlösstruktur wider. Und im Vergleich zu „reinen“ KI- und Quanten-Werten, die oft noch defizitär oder mit hohen KGVs jenseits der 50 bewertet sind, erscheinen die Papiere von IBM beinahe günstig. Eine solide Bilanz mit starkem operativem Cashflow zur Finanzierung der Investitionen und eine verlässliche Dividendenrendite bieten Anlegern zusätzliche Stabilität.

Die Wall Street reagiert entsprechend bullish: Raimo Lenschow von Barclays hat die Aktie kürzlich mit einem „Overweight“-Rating und einem Kursziel von 350 Dollar in die Bewertung aufgenommen, während Wedbush-Experte Dan Ives den fairen Wert ebenfalls auf 350 Dollar erhöht und seine Kaufempfehlung bestätigt hat.

Fazit

Nach dem Kurssprung in der Vorwoche ist die IBM-Aktie wieder von ihrem Rekordhoch zurückgekommen. Langfristig orientierten Anlegern öffnet das aber die Chance, bei einem Konzern einzusteigen, der von zwei großen Zukunftstrends (Quantencomputing und KI) gleichzeitig profitiert — und trotzdem noch nicht hoffnungslos überbewertet ist. Wer im aktuellen Marktumfeld auf Nummer sicher gehen will, wartet einen erfolgreichen Test der 200-Tage-Linie im Bereich von 233 Euro ab.

Sie wollen weitere starke Analysen lesen? Dann werfen Sie jetzt einen Blick auf das exklusive BÖRSE ONLINE Probe-Abo.

Weiterführende Links