Die Nervosität an den Aktienmärkten nimmt wieder zu. Technologie- und Softwarewerte wie SAP, IBM oder auch Teamviewer geraten erneut unter Druck. Anleger fragen sich: Steht der nächste größere Abverkauf bevor?

Auslöser der jüngsten Kursrutsche sind vor allem wachsende Sorgen vor den Folgen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) – und deren mögliche Auswirkungen auf Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Unternehmensgewinne. Im Zentrum der Diskussion steht eine Studie der Marktforscher von Citrini Research, denen oft der Hang zu provokanten und konträren Thesen nachgesagt wird. Darin wird folgendes behauptet: KI könnte in den kommenden Jahren einen erheblichen Teil der Büroarbeitsplätze überflüssig machen. Konkret ist von bis zu fünf Prozent der sogenannten White-Collar-Jobs innerhalb von nur 18 Monaten die Rede. Auf den ersten Blick mag das überschaubar wirken – doch gerade Angestellte in Büroberufen treiben einen Großteil des Konsums an. In den USA etwa stehen sie für rund 75 Prozent der diskretionären (nicht zwingend notwendigen) Ausgaben. Fällt hier Kaufkraft weg, könnte dies eine Kettenreaktion auslösen.

Negative Rückkopplung durch KI?

Das befürchtete Szenario ist brisant: Unternehmen bauen Personal ab, um Kosten zu senken und Margen zu steigern. Die eingesparten Mittel investieren sie in KI-Lösungen, die wiederum weitere Rationalisierungen ermöglichen. Das führt zu noch mehr Jobabbau, sinkender Konsumnachfrage und letztlich schwächeren Umsätzen – gerade bei Unternehmen, die auf Unternehmenssoftware, Finanzdienstleistungen oder Plattformmodelle setzen. Genau hier sind Konzerne wie IBM oder SAP stark engagiert. Zumal sie oft Lizenzen pro Arbeitsplatz verkaufen. Dieser Erlösstrom wäre bei einem flächendeckenden Jobbabau bei den Kunden stark gefährdet.

Die Märkte reagierten am Montag heftig. Software-Aktien gerieten weltweit unter Druck. Besonders spektakulär war der Einbruch bei IBM: Die Aktie erlitt den höchsten Tagesverlust (minus 13,1 Prozent) seit dem Jahr 2000. Auslöser war hier eine Demo des KI-Start-ups Anthropic, das ein neues Tool entwickelt hat, das alte Programme, die in der 80er-Jahre-Programmiersprache COBOL geschrieben sind, vollautomatisiert modernisieren können soll. Das sind genau jene Systeme, die traditionell auf IBM-Großrechnern laufen. IBM konterte zwar und betonte, dass eine bloße Übersetzung von Code keine echte Modernisierung ersetze. Entscheidend seien Architektur, Datensicherheit, Integration und Skalierbarkeit. Doch die Börse reagiert in diesen Tagen oft schneller als Zeit für jede Einordnung ist. Die Angst, dass KI etablierte Geschäftsmodelle schneller angreift als gedacht, überwiegt.

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IBM (WKN: 851399)

Was bedeutet das für SAP und Teamviewer?

Auch wenn die Software von SAP und Teamviewer nicht direkt mit alten COBOL-Großrechnern zu tun hat, betrifft sie die Grundsatzfrage genauso: Wird KI bestehende Softwarelösungen ergänzen – oder gar ersetzen? SAP positioniert sich klar als Gewinner der KI-Welle und hat längst damit begonnnen, intelligente Funktionen in seine Unternehmenssoftware zu integrieren. Doch wenn Unternehmen durch KI weniger Personal benötigen und gleichzeitig Investitionen zurückfahren, könnten selbst Marktführer den Druck spüren.

Teamviewer wiederum ist im Bereich Fernwartung und digitale Arbeitsplatzlösungen aktiv. Sollte die KI Prozesse automatisieren und Arbeitsstrukturen sowie die Zahl der Arbeitsplätze verändern, könnte das die Nachfrage sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Kurzfristig dominiert jedoch die Unsicherheit – und Unsicherheit ist Gift für Aktienkurse. Anleger sollten in den kommenden Monaten weiterhin mit starken KI-bedingten Schwankungen rechnen. Die zentrale Frage lautet: Führt KI zu einem Produktivitätsschub, der Wachstum und Gewinne steigert? Oder führt ihr Einsatz zuerst zu Arbeitsplatzverlusten, Konsumrückgang und sinkenden Unternehmensgewinnen?

Fazit: Für Privatanleger ist die Lage derzeit schwer zu überschauen. Panikverkäufe sind aber selten ein guter Ratgeber. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Entwicklung, wie stark technologische Umbrüche bestehende Geschäftsmodelle infrage stellen können. Eine breite Streuung des Portfolios über verschiedene Branchen und Regionen hinweg ist daher jetzt womöglich wichtiger als je zuvor.

SAP (WKN: 879535)

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