Ein Pensionsfonds aus Michigan erhebt schwere Vorwürfe gegen Microsoft und reicht eine Sammelklage ein. Im Zentrum stehen Azure, Copilot und die Frage, ob Microsoft seine KI-Fortschritte zu positiv darstellte.
Das dürfte Wasser auf die Mühlen der KI-Skeptiker sein: Am vergangenen Freitag, den 12. Juni, reichte ein Pensionsfonds aus Michigan vor einem Gericht in Seattle eine Sammelklage gegen Microsoft ein. Die Klage bezieht sich auf alle Aktien, die zwischen dem 1. Mai 2025 und dem 28. Januar 2026 erworben wurden.
Dem Kläger zufolge soll Microsoft Anleger bei seinen KI-Umsätzen in die Irre geführt und den Aktienkurs dadurch künstlich aufgebläht haben. Zudem habe das Unternehmen die tatsächliche Nachfrage nach seinen KI-Produkten nicht transparent genug dargestellt.
Auslöser der Sammelklage ist der Kurssturz von rund zehn Prozent am Tag nach den Quartalszahlen vom 28. Januar 2026. Für die Aktie von Microsoft war es der größte Tagesverlust seit fast sechs Jahren.
Worauf stützt sich die Klage gegen Microsoft?
Im Quartalsbericht zum zweiten Quartal 2026, der am 28. Januar veröffentlicht wurde, wies Microsoft ein Azure-Wachstum von 39 Prozent aus. Laut Reuters lag das zwar im Rahmen der Analystenerwartungen, jedoch einen Prozentpunkt unter dem Wachstum des Vorquartals.
In der Klage heißt es, das Management habe die knappe Rechenkapazität bevorzugt in eigene KI-Produkte wie den Microsoft Copilot gelenkt statt in das hochprofitable Azure-Geschäft. Dadurch sei das Umsatzwachstum von Azure geringer ausgefallen, als es bei einer anderen Verteilung der Ressourcen möglich gewesen wäre.
Erschwerend komme hinzu, dass die Rechenkapazität im Copilot aus Sicht der Klägerseite weniger effizient eingesetzt gewesen sei als in Azure. Der Kläger argumentiert, dass die Umsätze des Copiloten hinter den Erwartungen zurückgeblieben seien. Im Earnings Call am 28. Januar nannte Microsoft erstmals konkrete Zahlen zur Anzahl der bezahlten Copilot-Nutzer: 15 Millionen. Im Vergleich zu den rund 450 Millionen bezahlten Microsoft-365-Sitzen sei das nach Ansicht der Klägerseite nicht besonders viel.
Das zentrale Problem ist nicht, dass das Azure-Wachstum grundsätzlich zu niedrig war. Auch nicht, dass der Copilot noch nicht profitabel ist. Der Kernvorwurf lautet vielmehr: Microsoft habe in den Quartalen zuvor wiederholt betont, dass der Copilot sehr gut laufe und auf Basis dieser Darstellung knappe Ressourcen bevorzugt in die eigenen KI-Produkte gelenkt. Dem Kläger zufolge hätte Microsoft daher früher transparenter machen müssen, dass der Copilot hinter den Erwartungen zurückbleibt – und trotzdem wichtige Ressourcen bindet, die alternativ im hochprofitablen Azure-Geschäft hätten eingesetzt werden können.
Klingt komplizierter, als es ist. Im Folgenden ordnen wir daher die zwei Hauptargumente der Klägerseite objektiv ein.
Argument 1: Die schwache Nachfrage nach dem Microsoft Copilot wurde nicht transparent aufgezeigt
Bis zur Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal 2026 nannte Microsoft nie die genaue Anzahl der bezahlten Copilot-Nutzer. Stattdessen verwies das Unternehmen vor allem auf breitere Nutzungskennzahlen, etwa:
• 150 Millionen monatlich aktive Nutzer über die „Copilot-Familie“
• Mehr als 90 Prozent der Fortune 500 Unternehmen nutzen Microsoft 365 Copilot
• Copilot Chat habe mehrere zehn Millionen Nutzer
Dass mit der Veröffentlichung von 15 Millionen bezahlten Copilot-Sitzen zunächst Ernüchterung eintrat, ist nachvollziehbar. Schließlich entspricht das lediglich rund drei Prozent der mehr als 450 Millionen bezahlten Microsoft-365-Sitze.
Gerade bei neuen Technologien und Produkten ist es jedoch völlig normal, dass die Zahl der bezahlten Abos anfangs noch gering ist. Aus langfristiger Perspektive kann es sogar sinnvoll sein, Nutzer zunächst über kostenlose oder günstigere Angebote an ein Produkt zu gewöhnen und erst später stärker zu monetarisieren.
Allein daraus lässt sich daher noch kein Täuschungsversuch ableiten. Microsoft stellte zu Beginn vor allem Wachstumsindikatoren, Reichweite und Nutzungsdaten in den Vordergrund. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass das Unternehmen Anleger bewusst in die Irre geführt hat.
Argument 2: Microsoft hätte Ressourcenverschiebung transparenter aufzeigen sollen
In den vergangenen Earnings Calls betonte Microsoft wiederholt, dass das Azure-Wachstum vor allem durch die Angebotsseite begrenzt sei. Mit anderen Worten: Wenn das Unternehmen mehr Rechenleistung beschaffen könnte, ließe sich offenbar sofort zusätzlicher Umsatz generieren. Die Kläger verstehen das als implizite Aussage, dass neue Rechenkapazität primär in Azure fließt, um dort zusätzliches Wachstum zu ermöglichen.
Am 28. Januar sagte CFO Amy Hood jedoch, dass neue Kapazität zunächst für Microsoft 365 Copilot, GitHub Copilot und eigene Apps verwendet werde. Danach folgten Forschung und Produktinnovation. Erst der verbleibende Teil gehe an Azure. Damit haben die Kläger durchaus einen nachvollziehbaren Punkt. Es stellt sich die Frage, ob Microsoft diese Priorisierung schon früher klarer hätte kommunizieren müssen.
Allerdings hatte Amy Hood bereits im Earnings Call am 29. Oktober 2025 darauf hingewiesen, dass das Azure-Wachstum mit den steigenden Anforderungen aus First-Party-Apps, KI-Lösungen, R&D und Server-Ersatz ausbalanciert werden müsse. Anleger konnten daher bereits zu diesem Zeitpunkt erkennen, dass nicht sämtliche neue Rechenkapazität direkt in Azure fließen würde.
Microsoft weist die Vorwürfe zurück
Microsoft erklärte am Montag, man halte die Vorwürfe für „unbegründet“. Zudem hieß es: „Microsoft steht zur Integrität seiner öffentlichen Aussagen und wird sich vor Gericht entschieden verteidigen.“
Fazit: Die Klage enthält einige nachvollziehbare Argumente. Dennoch bleibt fraglich, ob diese vor Gericht ausreichen, um eine Entschädigung für Anleger zu begründen. Denn Microsoft kann darauf verweisen, dass es bereits vor dem Kurseinbruch auf Zielkonflikte bei der Verteilung neuer Rechenkapazitäten hingewiesen hatte.
Selbst wenn die Klage teilweise Erfolg haben sollte, dürfte sie kaum das stabile Fundament gefährden, das Microsoft über Jahrzehnte aufgebaut hat. Wenn Sie nach Unternehmen suchen, denen auch zwischenzeitliche Krisen wenig anhaben können, könnte der Tech-Giganten-Index von BÖRSE ONLINE für Sie interessant sein. Mit nur einem Zertifikat können Sie sich Microsoft und 14 weitere Schwergewichte des Tech-Sektors ins Depot holen.
Häufig gestellte Fragen
Warum wurde die Sammelklage gegen Microsoft eingereicht?
Ein Pensionsfonds aus Michigan wirft Microsoft vor, Anleger bei den KI-Umsätzen in die Irre geführt und den Aktienkurs künstlich aufgebläht zu haben. Auslöser war der Kurssturz von rund zehn Prozent nach den Quartalszahlen vom 28. Januar 2026 – der größte Tagesverlust der Microsoft-Aktie seit fast sechs Jahren. Die Klage bezieht sich auf alle Aktien, die zwischen dem 1. Mai 2025 und dem 28. Januar 2026 erworben wurden.
Was ist der konkrete Vorwurf in Bezug auf Microsoft Copilot?
Die Kläger argumentieren, Microsoft habe knappe Rechenkapazität bevorzugt in eigene KI-Produkte wie Copilot statt in das profitablere Azure-Geschäft gelenkt, ohne transparent zu machen, dass die Copilot-Nachfrage hinter den Erwartungen zurückblieb. Erst im Earnings Call am 28. Januar nannte Microsoft erstmals konkrete Nutzerzahlen: 15 Millionen bezahlte Copilot-Sitze, verglichen mit rund 450 Millionen bezahlten Microsoft-365-Sitzen. Allerdings ist eine anfänglich geringe Zahl bezahlter Nutzer bei neuen Produkten durchaus üblich und allein noch kein Beleg für eine bewusste Täuschung.
Wie stehen die Erfolgschancen der Klage gegen Microsoft?
Die Erfolgsaussichten gelten als fraglich, da Microsoft bereits im Earnings Call vom 29. Oktober 2025 darauf hingewiesen hatte, dass das Azure-Wachstum mit steigenden Anforderungen aus eigenen KI-Lösungen und Forschung ausbalanciert werden müsse. Anleger hätten die spätere Priorisierung von Copilot und eigenen Apps gegenüber Azure also bereits vorher erahnen können. Microsoft selbst weist die Vorwürfe als unbegründet zurück und will sich vor Gericht verteidigen.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Microsoft.