Der S&P 500 markiert quasi täglich neue Allzeithochs. Doch tatsächlich trägt nur eine Handvoll Aktien dazu bei. Experten sehen historische Parallelen – die damals erschreckende Folgen hatten.
Auch am ersten Handelstag im Juni 2026 markierte der S&P 500 wieder einen neuen Rekordschlussstand. Doch bei genauerem Hinsehen trübt sich das Bild erheblich ein, wie der US-Börsensender CNBC berichtet: Gerade einmal 20 der 500 Indexmitglieder erreichten ebenfalls ihr eigenes Allzeithoch. Und von diesen zwanzig Titeln hatten nur sieben keinen direkten Bezug zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). Das heißt: Die Rally, die auf dem Papier so stark aussieht, konzentrierte sich in Wahrheit auf eine verschwindend kleine Gruppe von Unternehmen.
Ein Echo aus dem Jahr 2000
Diese Beobachtung trifft bei erfahrenen Marktstrategen einen Nerv. Michael Hartnett, Chefstratege der Bank of America (BCA), wies in einer Notiz an Kunden darauf hin, dass er exakt dasselbe Phänomen schon einmal gesehen hat: Auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im März 2000. Kurz danach kollabierte der Markt. Damals waren es ebenfalls gerade einmal 20 Aktien im S&P 500, die gemeinsam neue Hochs markierten. Die Parallele ist frappierend – und sie könnte ein Warnsignal dafür sein, dass der Aufschwung zunehmend fragil wird.
Halbleiter als Zugpferde
Der Motor für die jüngste Rally waren die nahezu exponentiellen Kursanstiege der Halbleiterunternehmen. Insbesondere Hersteller von Speicherchips legten im Mai stark zu: Micron Technology um 88 Prozent zu, SK Hynix um 81 Prozent. Auch der Prozessor-Hersteller Advanced Micro Devices (AMD) stieg um 46 Prozent, Samsung gewann 44 Prozent. All diese Unternehmen bilden mit ihren Chips einen Teil der Infrastruktur des KI-Booms. Der technologielastige Nasdaq Composite verbuchte im April und Mai zusammen ein Plus von 25 Prozent – die stärkste Zweimonatsperformance seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Schwindende Marktbreite
Wachsende Sorge bereitet Strategen die fehlende Marktbreite. Die sogenannte Advance-Decline-Linie, die misst, wie viele Aktien steigen im Vergleich zu denen, die fallen, zeigte nach einem kurzen Aufflackern Ende März seit Mitte April einen rückläufigen Trend. Laut BCA Research notierten zum 20. Mai lediglich rund 55 Prozent der S&P-500-Mitglieder oberhalb ihres gleitenden 200-Tage-Durchschnitts. „Auch wenn US-amerikanische und Schwellenländer-Aktienindizes neue Hochs erreicht haben, waren ihre Anstiege extrem eng. Schwache Marktbreite ist oft ein Zeichen für eine zugrunde liegende Anfälligkeit des Aktienmarkts", warnte ein Team von BCA-Strategen um Arthur Budaghyan in einem Kommentar vom 20. Mai.
Zinsen als Brandbeschleuniger
Hartnett glaubt zwar, dass das Ende der spekulativen Preisbewegungen noch nicht unmittelbar bevorsteht. Er glaubt aber, dass letztlich die Zentralbanken und steigende Zinsen das Ende der Rally einläuten werden. Hohe Bewertungen, die auf Wachstumsfantasie basieren, reagierten besonders empfindlich auf steigende Abzinsungssätze, warnt der Experte. Dieser Mechanismus wirkte schon in der Dotcom-Ära 2000 destruktiv – und könnte es heute wieder tun. Für Anleger bedeutet das auch: Wenn der Markt einmal kippt, könnte sich das Zeitfenster für den Ausstieg rasch schließen.
Der Fahrplan für Anleger
Für den Fall, dass der Markt tatsächlich seinen Gipfel erreicht und danach auf Talfahrt geht, gibt Hartnett seinen Kunden immerhin eine konkrete Handlungsempfehlung mit: Historisch, so der Stratege, lohne es sich nach dem Platzen einer Blase, auf Anleihen zu setzen und gleichzeitig in defensive Sektoren sowie in Bereiche zu wechseln, die in den letzten Monaten des Booms deutlich hinter dem Markt zurückgeblieben sind. Diese Strategie, gestützt auf Erfahrungen seit dem Jahr 1929, spiegelt die klassische Rotation wider, die auf überhitzte Wachstumsphasen typischerweise folgt. Hartnett rät Kunden dazu, sich sehr bald defensiver aufzustellen – bevor ihnen der Markt die Entscheidung abnimmt.
Das Video zum Thema
Das Risiko, das die Party bald vorbei sein könnte, hält auch der Portfoliomanager André Stagge für real. Wie er sein Portfolio jetzt ausrichtet, erfahren Sie im Interview mit Markus Voss auf dem Youtube-Kanal von BÖRSE ONLINE.
Häufige Fragen zum Thema
Welche Aktien trieben den S&P 500 auf sein Allzeithoch?
Ende Mai hatten nur 20 von 500 Aktien im Index ebenfalls ein Allzeithoch ereicht. 13 davon stammen aus den Bereichen Künstliche Intelligenz und Halbleiter.
Warum ist die fehlende Marktbreite ein Problem?
Je weniger Aktien zur Performamce beitragen, desto anfälliger wird die Wertentwicklung des Index gegenüber Schwankungen bei diesen Titeln. Umgekehrt ist es ein schlechtes Zeichen für die allgemeine Wirtschaftslage, dass die Mehrheit der Titel im S&P 500 nicht oder kaum steigt.
Warum raten so viele Experten vor einem Crash zu Anleihen?
Bei Anleihen stehen die Coupon-Zahlungen und die Rückzahlungen von vorneherein fest - vorausgesetzt, der Schuldner hat eine gute Bonität und kann sie zurückzahlen. In unsicheren Börsenzeiten, wenn die Aktienkurse fallen, sind Anleihen deshalb das Mittel der Wahl. Außerdem können ihre Kurse sogar steigen, wenn die Zinsen in einer Krise von den Notenbanken gesenkt werden.