Seit kurzem gelten für Privatanleger verlängerte Handelszeiten bis 22 Uhr. Diese und ein Ende des Payment per Orderflows könnten die Gewinne der Deutschen Börse rasant steigen lassen. Unterdessen ermittelt die EU-Kommission.

Rund 90 Prozent aller Aktien und ETFs werden in Deutschland über Xetra, das elektronische Handelssystem der Deutschen Börse, gehandelt. Rund zehn Prozent des Ordervolumens entfällt bei Xetra auf private Anleger. Bis vor Kurzem konnten diese bei Xetra nur im klassischen Zeitfenster bis 17.30 Uhr handeln.

Der nach- oder vorbörsliche Retail-Handel läuft dagegen vor allem über Handelsplätze wie die L & S Exchange und Tradegate.Durch die Verlängerung des Xetra-Handels bis 22 Uhr seit Anfang Dezember besetzt die Deutsche Börse diesen Markt nun auch. Das dürfte Volumina von diesen Plattformen abziehen. Doch das eigentliche Ziel der Deutschen Börse dürften nicht Tradegate und Co sein, sondern die wachstumsstarken Neobroker. Denn die Aufträge der Millionen Kunden, die sie gewonnen haben, werden nicht über Xetra abgewickelt. In einem ersten Schritt hatte sich der Börsenbetreiber bereits erfolgreich für ein Verbot des „Payment for Order Flow“ eingesetzt. Damit sind Rückvergütungen gemeint, die Neobroker dafür erhalten, dass sie Order exklusiv an bestimmte Handelsplätze weiterleiten. Bisher sind diese „Kickbacks“ die wichtigste Einnahmequelle der Neobroker. Ab Mitte 2026 müssen die Neobroker auf die Rückvergütungen aus Payment for Order Flow verzichten. Wenn zukünftig „Best Execution“ gilt, also dass die Order dort ausgeführt ist, wo der beste Kurs gestellt wird, könnte auch die Deutsche Börse profitieren, wenn dort ein Teil vom Orderflow landet.

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Deutsche Börse

Zukauf im Fund-Services-Geschäft

Gleichzeitig steht die Deutsche Börse vor der größten Übernahme ihrer Geschichte. Derzeit verhandelt der DAX-Konzern über den Kauf der Fondsverwaltungsplattform Allfunds für 5,3 Milliarden Euro. Sicher ist der Deal allerdings noch nicht. Ob es zu einem verbindlichen Angebot komme, hängt von einer Reihe von Bedingungen ab. Dazu zählen die Überprüfung der Bücher von Allfunds, eine Finalisierung der endgültigen Transaktionsdokumente sowie eine endgültige Genehmigung des Deals durch die Gremien beider Unternehmen. Die Deutsche Börse argumentiert, dass die Übernahme zu erheblichen Effizienzsteigerungen und Kostensynergien führen und Innovationen ermöglichen werde. Die bisher teuerste Übernahme der Deutschen Börse war der 3,9 Milliarden Euro schwere Kauf des dänischen Softwareanbieters Simcorp. Diese hat dazu beigetragen, dass der DAX-Konzern heute weniger abhängig ist von den Schwankungen an den Märkten als in der Vergangenheit. Interesse an Allfunds hatte die Deutsche Börse Finanzkreisen zufolge bereits früher. Der damalige Vorstandsvorsitzende Theodor Weimer entschied sich jedoch im Jahr 2020 gegen eine Übernahme des britisch-spanischen Finanzdienstleisters. Stattdessen brachte der Haupteigentümer Hellman & Friedman das Unternehmen an die Börse. Derzeit wird Allfunds mit knapp fünf Milliarden Euro bewertet und damit Insidern zufolge unter dem seinerzeit aufgerufenen Preis. Mit einer Übernahme würde die Deutsche Börse ihr zuletzt stark gewachsenes Fondsservicegeschäft weiter ausbauen. In diesem Segment hat der Konzern in der Vergangenheit bereits mehrfach größere Akquisitionen getätigt.

So erwarben die Frankfurter 2018 von der Zürcher Kantonalbank die Fondsplattform Swisscanto. Zwei Jahre später folgte der Einstieg mit 51 Prozent bei der Fondsvertriebsplattform der Schweizer Großbank UBS, die 2021 vollständig übernommen wurde. Allfunds ist schwerpunktmäßig in Italien, Spanien und Frankreich tätig und würde das Angebot damit gut ergänzen. Gegenwind kam zuletzt durch eine kartellrechtliche Untersuchung der EU-Kommission, die Anfang November offiziell eingeleitet wurde. Konkret wird geprüft, ob die Deutsche Börse und die Nasdaq gegen die EU-Wettbewerbsvorschriften verstoßen haben, indem sie ihr Verhalten in den Bereichen Notierung, Handel und Clearing von Finanzderivaten im Europäischen Wirtschaftsraum abgestimmt haben.

Das bedeutet es für die Deutsche-Börse-Aktie

Sollte sich der Verdacht der Kommission bestätigen, drohen der Deutschen Börse Strafen von bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Analysten der Citigroup gehen jedoch davon aus, dass eine mögliche Strafe deutlich geringer ausfallen würde. Laut ihren Schätzungen hat die Deutsche Börse durch die Kooperation, die die Europäische Kommission beanstandet, nur rund fünf Millionen Euro an Erträgen pro Jahr erwirtschaftet. Aufgrund des starken Kursrückgangs von über 25 Prozent seit dem Allzeithoch im Mai scheint zudem bereits einiges eingepreist zu sein. Aktuell notiert die Aktie mit einem erwarteten KGV von rund 19 für 2026. Operativ läuft es gut für die Deutsche Börse. Umsatz und operatives Ergebnis (Ebit) sind in den letzten Jahren beständig gewachsen. Zudem plant das Unternehmen, zusätzlich zur Dividende Aktien zurückzukaufen. Für 2026 sei vor diesem Hintergrund ein Aktienrückkauf von 500 Millionen Euro geplant. Um acht Prozent will die Deutsche Börse bis 2028 jährlich wachsen. Übernahmen kämen noch hinzu. Das Gewinnwachstum soll dank höherer Effizienz zwölf Prozent betragen. Kooperationen mit dem Stablecoin-Spezialisten Circle und dem führenden europäischen Stablecoin-Emittenten Société Générale sowie dem deutschen Anbieter Allunity legen zudem nahe, dass man bereit ist, sich auf veränderte Marktbedingungen einzustellen. Auch Analysten sehen reichlich Potenzial. Experten von JP Morgan führen die Deutsche Börse mit einem Kursziel von 298 Euro, Barclays mit 290 und die Deutsche Bank mit 291 Euro. Ein Einstieg auf dem aktuellen Niveau scheint für längerfristig orientierte Anleger attraktiv.

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