Ein Post auf X warnt vor einem „typischen“ Kurssturz nach einem Wechsel an der Spitze der Fed. Stimmt das? Wir haben historische Amtsantritte seit 1930 und die S&P-500-Entwicklung in den folgenden sechs Monaten untersucht – mit überraschenden Ergebnissen.
Gerade laufen die Anhörungen von Kevin Warsh vor seiner Berufung als Chef der US-Notenbank Fed. Gleichzeitig hat die Staatsanwaltschaft am Freitag ihre Ermittlungen gegen US-Notenbankchef Jerome Powell wegen angeblich ausschweifender Renovierungskosten an der Federal Reserve (Fed) eingestellt. Das ebnet ebenfalls den Weg für Warsh, denn der einflussreiche republikanische Senator Thom Tillis hatte angekündigt, dass er nicht für Trumps Kandidaten stimmen werde, bis die Angelegenheit mit Powell geklärt sei. Powells Amtszeit an der Fed-Spitze endet im Mai.
Droht unter jedem neuen Fed-Chef ein Crash?
Warshs Berufung ist damit wohl nur noch Formsache – aber was bedeutet das für Anleger? „Der SPY wird nach dem 15. Mai 2026 um 10 bis 20 Prozent abstürzen“, warnte diese Woche ein User auf der Plattform X.
Mit „SPY ist der S&P 500-Index gemeint. Und warum sollte der Index abstürzen? Der User behauptet: Seit 1930 ist der S&P-500 nach dem Amtsantritt eines neuen Fed-Chefs im Schnitt innerhalb von sechs Monaten um 16 Prozent gefallen.
SPY will crash 10%-20% after May 15, 2026 from $720+
— Michael | Hypermarkets (@itsmichaelluu) April 22, 2026
Why?
Since 1930, SPY crashes 16% within 6 months of a new FOMC chairperson coming in.
3 reasons for this sell off:
1. Every new chair needs to prove they're serious rates stay high or go higher.
2. Kevin Warsh wants to… pic.twitter.com/D58ZxW1EZt
Was wirklich hinter der Statistik steckt
Das klingt nach einem einfachen Börsenmuster – und nach einem klaren Timing-Signal. Bei einem genauen Blick ist diese Schlussfolgerung aber nicht ganz richtig, wenn man nicht sauber trennt zwischen Drawdown (größter zwischenzeitlicher Rückgang) und Rendite (Veränderung vom Start- bis Endpunkt).
Denn der Kern der Behauptung stammt nicht aus einer Betrachtung der Sechs-Monats-Rendite, sondern aus einer Drawdown-Statistik der Großbank Barclays. Sie hat für alle Fed-Chefs seit 1930 durchschnittliche Rückgänge von fünf Prozent (in einem Monat), zwölf Prozent (in drei Monaten) und 16 Prozent in sechs Monaten ermittelt. Das ist eine andere Aussage als: „Der Index steht nach sechs Monaten im Minus“. Ein Index kann zwischenzeitlich 16 Prozent fallen und trotzdem nach sechs Monaten höher notieren – oder umgekehrt.
Was sich historisch beobachten lässt
Unstrittig ist: Fed-Chefwechsel sind oft Phasen erhöhter Unsicherheit an der Börse. Die Märkte testen, wie der neue Vorsitzende tickt – gerade, wenn es um das Thema Inflation geht oder die Konjunktur kippt. In solchen Momenten steigen Volatilität und Risiko an den Märkten teilweise scharf an. Das passt zur Logik der Barclays-Auswertung: Sie misst, wie tief es irgendwann in den ersten Monaten nach Amtsstart runterging – nicht, ob Anleger am Ende der Periode Verlust gemacht hätten.
Ein gutes Beispiel, das auch in den Post auf „X“ anklingt: Alan Greenspan trat am 11. August 1987 an – und nur wenige Wochen später folgte am 19. Oktober 1987 der „Black Monday“, der in vielen Indizes historische Tagesverluste hinterließ. Dass unmittelbar nach einem Amtsantritt ein Crash passieren kann, zeigt aber noch kein Gesetz der Serie. Es zeigt eher, dass ein Chefwechsel zufällig mit anderen Risiken zusammenfallen kann.
Für eine saubere Analyse braucht man außerdem die richtige Messgröße. Der S&P 500 wird häufig als Preisindex betrachtet (ohne Dividenden). Wer einen ETF auf den SPY oder einen Total-Return-Index meint, kommt zu anderen Ergebnissen.
Was bedeutet das für Anleger?
1. Ein „Durchschnittlicher Drawdown“ ist kein Timing-Signal. Er sagt: Rückschläge sind in solchen Phasen statistisch häufig – nicht, dass man nach sechs Monaten zwangsläufig tiefer steht.
2. Das Umfeld zählt mehr als der Name. Zinspolitik, Inflationstrend, Gewinnentwicklung und Liquidität dominieren mittelfristig. Ein neuer Fed-Chef kann restriktiver starten, weil er Glaubwürdigkeit aufbauen will – muss es aber nicht.
3. Risikomanagement schlägt Prognose. Wer US-Aktien hoch gewichtet hat, sollte eher über Rebalancing, Sparplan-Disziplin und Positionsgrößen nachdenken als über „All-in/All-out“ aufgrund des Amtsantritt eines neuen Fed-Chefs oder historischer Durchschnitte.
Unterm Strich: Ja, die ersten Monate nach einem Fed-Wechsel waren historisch oft von spürbaren Schwankungen begleitet. Aber die pauschale Crash-Prognose („10 bis 20 Prozent Absturz sind sicher“) ist aus den historischen Daten so nicht ableitbar. Seit dem Amtsantritt von Jerome Powell ist der S&P 500 übrigens bis heute um 265 Prozent oder das 3,5-fache gestiegen.
Mit dem „Aktien für die Ewigkeit“-Index von BÖRSE ONLINE sind sie an der Böre grundsätzlich immer gut aufgestellt. Wie Sie mit drei verschieden gewichteten Zertifikaten auf einen Schlag in den kompletten Index investieren können, erfahren Sie hier.