Neues Tief! Der Kurs der SAP-Aktie ist heute zeitweise auf 130,62 Euro und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als zweieinhalb Jahren abgerutscht. Die meisten Analysten sagen weiter: kaufen. Der Kurs sagt: nein. Dahinter steckt mehr als die Sorge vor KI-Disruption. Ein Blick auf die echten Baustellen bei SAP – und eine Einordnung.
Kurse fallen selten aus einem einzigen Grund. Bei SAP, einst Europas wertvollstes Börsenunternehmen, ist das nicht anders. Die Aktie notiert auf dem tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren, hat seit ihrem Hoch Anfang 2025 bei rund 280 Euro inzwischen mehr als die Hälfte verloren. Im laufenden Jahr summieren sich die Verluste auf rund 35 Prozent. Der Abwärtstrend ist intakt.
Die Standarderklärung: Sorgen vor KI-Disruption. Stimmt – ist aber unvollständig.
Vier Baustellen, nicht eine
Der dominierende Druckfaktor ist tatsächlich die Frage, ob klassische Enterprise-Software langfristig unter Druck gerät. Anleger fragen sich, wer in einer Welt mit KI-nativen Alternativen noch die teuren SAP-Lizenzen und -Wartungsverträge braucht. Bei SAP lautet die Antwort bislang: unklar. Das reicht dem Markt nicht.
Dazu kommt die schleppende Cloud-Transformation. Die Migration der Kundenbasis auf S/4HANA und RISE with SAP läuft zäher als erhofft. ERP-Migrationen sind keine Software-Updates, sondern Großprojekte, die Unternehmen Jahre, wenn nicht jahrzehntelang beschäftigen. Viele Kunden zögern.
Dritter Faktor: Guidance-Enttäuschung. Das erste Quartal lief operativ ordentlich – Cloud-Umsatz plus 19 Prozent, Betriebsergebnis plus 17 Prozent. Trotzdem wies SAP auf eine Verlangsamung im zweiten Quartal hin und senkte den Jahresausblick: Der Umsatz 2026 soll nun auf Vorjahresniveau bleiben. Hinzu kommt die gestiegene Verschuldung durch Zukäufe wie LeanIX und Signavio. Beides zusammen trübt das Bild, das die operativen Zahlen allein zeichnen würden.
Vierter Faktor: Anlegerrotation. Wer Technologie kaufen will und KI-Exposition sucht, landet derzeit bei Cybersecurity- oder Datensoftware-Werten. SAP gilt nicht als direkter KI-Gewinner – und wird entsprechend gemieden.
Günstig, aber kein Muss
Auf dem aktuellen Kursniveau wirkt die Bewertung historisch moderat. Das bereinigte KGV liegt für 2026 bei rund 18, für 2027 bei etwa 15 und für 2028 bei rund 13. Morningstar sieht einen breiten Burggraben und ein Kursziel von 265 Euro – zum aktuellen Kurs ein Abschlag von rund 50 Prozent.
Das durchschnittliche 12-Monats-Kursziel der Analysten liegt laut Bloomberg-Konsens bei rund 209 Euro, 28 von 34 Analysten empfehlen den Kauf. Jefferies senkte zuletzt das Ziel von 230 auf 210 Euro, behielt aber die Kaufempfehlung bei. Begründung: Die „Mauer der Sorgen“ werde SAP wohl letztlich überwinden. Zunächst aber seien andere Technologie-Sektoren stärker gefragt und Anleger hätten es mit frischem Optimismus nicht eilig. Eine freundliche Umschreibung für: noch nicht.
Fazit
Als Fazit weiterhin gültig: Analysten hinken der Entwicklung hinterher. DER AKTIONÄR hingegen hatte in den vergangenen Monaten bereits mehrfach kritisch über die Lage bei SAP berichtet (siehe folgende Beiträge). Ein Boden ist nicht in Sicht.