Die Analysten der Bank of America (BofA) sehen bei Silber das Potenzial für einen Preissprung auf 100 Dollar noch in diesem Jahr. Was steckt dahinter – und was sollten Privatanleger dabei unbedingt beachten?
Der jüngste Rückgang des Goldpreises hat mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Im Mittelpunkt steht die Sorge, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen möglicherweise anheben könnte – obwohl der neue Fed-Chef Kevin Warsh eigentlich vom US-Präsidenten mit dem Ziel ins Amt gebracht wurde, die Zinsen zu senken. Die Märkte interpretieren die aktuelle Lage jedoch zunehmend anders.
Eine temporäre Erholung setzte bei Gold am gestrigen Mittwoch ein, als das iranische Staatsfernsehen meldete, das Land werde den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus im Rahmen eines Rahmenabkommens mit den USA innerhalb eines Monats wieder auf das Vorkriegsniveau bringen. Durch die jüngste militärische Eskalation im Nahen Osten drehte der Goldpreis aber wieder nach unten und markierte zeitweise den tiefsten Stand seit zwei Monaten.
BofA sieht Silber auf dem Weg zu 100 Dollar
Während Gold kämpft, richtet die Bank of America den Blick auf Silber. Die Analysten um Michael Widmer, den Leiter der Metals-Research-Abteilung, gehen davon aus, dass Silber im vierten Quartal dieses Jahres die Marke von 100 Dollar zurückerobern könnte. Die Logik dahinter ist einfach: Zieht Gold wieder an – was BofA langfristig erwartet – dürfte Silber als das volatilere der beiden Edelmetalle überproportional profitieren und mitgezogen werden.
Vor einigen Monaten hatten die BofA-Strategen sogar Szenarien entworfen, in denen Silber auf 135 bis 309 Dollar ansteigen könnte. Diese Bandbreite leite sich aus historischen Gold-Silber-Verhältnissen ab: In früheren Edelmetall-Boomphasen – etwa 1980 und 2011 – fiel das Verhältnis zwischen beiden Metallen deutlich geringer als heute aus. Legt man diese historischen Relationen auf den aktuellen Goldpreis um, ergäben sich für Silber rechnerisch eben jene extremen Kursziele. Klar ist aber: Das sind keine Basisszenarios, sondern Extremfälle, die sehr spezifische Marktbedingungen voraussetzen würden – etwa einen Lieferengpass am physischen Markt oder eine massive Welle an Investorennachfrage.
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Problem: Die industrielle Silbernachfrage schwächelt
Trotz des Optimismus zeigen die BofA-Analysten auch die Schattenseiten auf. Silber ist kein reines Finanzinvestment – über die Hälfte der weltweiten Nachfrage stammen aus der Industrie. Und genau dort entstehen derzeit ernsthafte Gegenwind-Faktoren.
Das Kernproblem: Die gestiegenen Silberpreise zwingen wichtige Industrieabnehmer dazu, den Metalleinsatz zu reduzieren oder auf günstigere Alternativen umzusteigen. Dieser Prozess wird in der Fachsprache als „Thrifting“ bzw. „Substitution“ bezeichnet. Besonders spürbar ist das im Solarsektor: Die Produktion von Photovoltaikanlagen in China stagniert, und es könnte in diesem Jahr sogar zu einem Rückgang der Installationszahlen kommen. Da Silber ein zentraler Bestandteil von Solarzellen ist, würde dies den Markt direkt treffen.
BofA ist überzeugt, dass die industrielle Silbernachfrage ihren Höhepunkt bereits im vergangenen Jahr überschritten hat. Zwar gibt es in anderen Branchen – etwa bei Elektrofahrzeugen, Datenzentren oder der KI-Infrastruktur – wachsende Silberanwendungen. Doch diese Zuwächse sind nach Einschätzung der Analysten schlicht zu klein, um den Nachfragerückgang im Solarsektor vollständig zu kompensieren.
Die Folge: BofA prognostiziert, dass der Silberpreis bis zum zweiten Quartal 2027 wieder auf rund 75 Dollar zurückfallen könnte – also deutlich unterhalb der angestrebten 100-Dollar-Marke.
Fazit: Silber bleibt damit ein hochvolatiles Metall mit spannenden Chancen – aber auch klaren Risiken. Wer investiert, sollte dies mit breitem Zeithorizont und klarem Risikobewusstsein tun. Die hohen Kursziele der BofA-Analysten von über 300 Dollar sollten jedoch nicht für bare Münze genommen werden.
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