Nach einem turbulenten ersten Quartal 2026 steigen die Kurse für Gold und Silber wieder - und Anleger fragen sich nun: Wie viel Kurs-Potenzial steckt noch in den beiden Edelmetallen?
Silber hat 2026 bereits Geschichte geschrieben: Im Januar durchbrach das weiße Metall erstmals die Marke von 120 Dollar, um anschließend innerhalb weniger Wochen auf unter 70 Dollar abzustürzen. Diese Achterbahnfahrt spiegelt sich auch in den Analystenprognosen wider, die derzeit extrem weit auseinanderliegen.
Silber: Extreme Prognosen, extreme Volatilität
Am pessimistischen Ende des Spektrums erwartet Bart Melek von TD Securities laut der im Januar veröffentlichten LBMA-Analystenumfrage für 2026 einen Jahresdurchschnittspreis von lediglich 44,25 Dollar. Das wäre nahezu eine Halbierung des aktuellen Preises. Am entgegengesetzten Ende hält Michael Widmer, Leiter der Metallforschung bei der Bank of America, in seinem im März veröffentlichten extrem bullischen Szenario sogar Silber-Kurse von bis zu 309 Dollar für realistisch. Er begründet das mit einer starken Kompression des Gold-Silber-Verhältnisses in Richtung historischer Durchschnittswerte. Zwischen diesen Polen reihen sich Jahresdurchschnitts-Ziele wie 150 Dollar (Citigroup), 100 Dollar (Deutsche Bank) und 81 Dollar (JPMorgan) ein.
Diese extreme Unsicherheit zeigt sich auch in einem anderen wichtigen Marktindikator: Der CBOE-Silbervolatilitätsindex notiert aktuell bei über 60 Prozent und übertrifft damit sein Pendant auf Gold, den CBOE-Goldvolatilitätsindex, um das Doppelte: Der steht nur bei rund 30 Prozent. Der Markt erwartet bei Silber also deutlich heftigere Kursausschläge als bei Gold – in beide Richtungen. Hintergrund ist die Zwitterrolle des Silbers als Industriemetall und sicherer Hafen zugleich sowie seine deutlich geringere Liquidität. Langfristig stützt die wachsende Nachfrage aus der Solar- und Elektronikindustrie den Preis strukturell. Kurzfristig bremsen jedoch der feste Dollar, höhere Anleiherenditen und eine schwächere Weltwirtschaft. Frank Schallenberger von der LBBW sieht zusätzlichen Gegenwind durch nachlassende Dynamik im Solarmarkt und eine rückläufige Schmucknachfrage.
Gold: Bullisher Konsens, aber mit Maß
Bei Gold präsentiert sich das Bild nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs deutlich einheitlicher. Die seitdem geäußerten Prognosen fallen zwar moderater aus als noch davor, bleiben aber überwiegend bullish. Die optimistischste Einschätzung kommt von der US-Bank JPMorgan, die Gold bis Jahresende bei 6.300 Dollar sieht – getragen von anhaltend hohen Zentralbankkaufprogrammen, einer hohen Nachfrage aus den Schwellenländern und einem mittelfristig schwächeren Dollar. Wells Fargo, Deutsche Bank und Bank of America stellen Kursziele zwischen 6.000 und 6.300 Dollar in Aussicht. Am unteren Ende der seit dem Kriegsausbruch veröffentlichten Szenarien steht State Street (SPDR Gold) mit einer relativ pragmatischen Einschätzung: Sollten sich der Ölpreis normalisieren und die Inflationssorgen lösen, sei beim Gold ein schneller Rücksprung über 5.000 Dollar möglich – mehr aber auch nicht, solange geldpolitische Risiken bestehen.
Strukturell sprechen starke Argumente für Gold: Die Zentralbanken kauften laut World Gold Council allein im Februar 2026 netto 27 Tonnen – der 23. Monat in Folge mit Nettokäufen. Sorgen um die Unabhängigkeit der Federal Reserve nach der Nominierung von Kevin Warsh zum neuen Fed-Chef sowie wachsende globale Schuldenlasten dürften das Interesse an Gold als Reservewährung ohne Kontrahentenrisiko langfristig hochhalten.
Fazit: Gold bietet derzeit ein vergleichsweise kalkulierbares Chance-Risiko-Profil mit einem breiten Analystenkonsens für höhere Kurse bis Jahresende. Silber lockt mit dem größerem Renditepotenzial – verlangt von seinen Anlegern aber auch eine höhere Risikobereitschaft und ein diszipliniertes Risikomanagement. Die immense Prognosebandbreite von 44,25 bis 309 Dollar macht deutlich, dass der Silbermarkt derzeit kaum zuverlässig einzuschätzen ist. Aktuell notiert Gold bei 4.810 Dollar je Feinunze und Silber bei fast 80 Dollar.
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