Ross Stores | 870053
Mit Kampfpreisen für Designerklamotten hat es Ross Stores zum Kultstatus bei seinen Kunden gebracht. Diese nehmen für die Chance auf ein Schnäppchen sogar Chaos in Kauf.
Schön geht anders, ordentlich auch: In einem Gang liegen Dutzende Schuhpaare wild durcheinander auf dem Boden, achtlos zurückgelassen von Kunden, die offenbar keine Lust hatten, sie wieder zurückzustellen. Einen Gang weiter türmt sich Kleidung in unterschiedlichen Designs und Größen auf den Ständern, und auf der gegenüberliegenden Seite der ebenso großen wie schmucklosen Verkaufsfläche versperren halb ausgerollte Teppiche, Tischdecken und Sofakissen den Weg: Willkommen bei Ross Stores, wo ein gewisses Maß an Chaos und Unordnung zum Geschäftsprinzip gehört. Auf der Jagd nach Schnäppchen wird es mitunter eben hektisch. Die Kunden nehmen das in Kauf – und freuen sich in sozialen Medien, wenn sie Designerstücke von Michael Kors, Calvin Klein oder Marc Jacobs für kleines Geld ergattern.
Dabei hatte Morris „Morrie“ Ross ursprünglich ein ganz normales Kaufhaus im Sinn, als er vor 75 Jahren den ersten Ross Store eröffnete. Um Kosten zu sparen, machte Ross alles selbst: Er stand an der Kasse, bestückte die Regale und erledigte nach Ladenschluss die Buchhaltung. Acht Jahre später verkaufte er den kleinen Laden an einen Geschäftsmann, der ihn 1982 an eine Investorengruppe um Mervin Morris weiterreichte. Mit einem aggressiven Off-Price-Modell, bei dem Markenwaren zu deutlich niedrigeren Preisen angeboten werden, legten Morris und seine Partner den Grundstein für eine Erfolgsstory. Mit dem Motto „Dress for Less“ sprach Ross fortan Haushalte mit kleineren Budgets an, die dennoch Wert auf Marken legten. Ein Volltreffer. Um die Expansion voranzutreiben, ging die Firma 1985 an die Börse. Bereits zehn Jahre später zählte der Konzern 290 Filialen. Heute betreibt Ross Stores insgesamt rund 2.300 „Ross Dress for Less“- und „dd’s“-Geschäfte. Die zweite Discount-Marke wurde 2004 eingeführt und richtet sich insbesondere an einkommensschwächere Haushalte.
Das Konzept des Unternehmens, Markenware zu deutlich niedrigeren Preisen anzubieten, kommt an. „Tolle Auswahl und Kundenservice, allerdings war der Laden etwas unordentlich“, schrieb etwa eine Kundin auf der Bewertungsplattform Yelp. Der Branchendienst Comparably kommt bei der Kundenloyalität – drei von vier Kunden sind Frauen – auf einen für die Branche starken Wert von 80 Prozent. Die Kundentreue spiegelt sich im nachhaltigen Umsatzwachstum von Ross Stores wider. Binnen zehn Jahren bis Ende 2025 verdoppelten sich die Erlöse auf 22,8 Milliarden Dollar. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 7,2 Prozent – ein in der Branche überdurchschnittlicher Wert. Für das laufende Geschäftsjahr erwarten Analysten im Schnitt einen Umsatzzuwachs von knapp über zehn Prozent auf dann 25 Milliarden Dollar. Beim Gewinn je Aktie liegen die Prognosen in der Spitze bei 9,38 Dollar. Auf Basis der – nicht sonderlich ambitionierten – Gewinnschätzungen errechnet sich ein KGV von 23. Auf den ersten Blick hat die Aktie damit wenig mit dem Sortiment von Ross gemeinsam – sie wirkt teuer. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Historisch notiert die Aktie auf einem durchschnittlichen Bewertungsniveau. An der Wall Street sind Anleger offenbar schon seit Langem bereit, für Ross Stores tiefer in die Tasche zu greifen.
Prognosen übertroffen
Der Konzern zahlt dieses Vertrauen regelmäßig mit starken Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn zurück. Für das erste Quartal 2026 etwa meldete Ross Stores einen Zuwachs bei den Same Store Sales, also den Erlösen auf vergleichbarer Verkaufsfläche, von üppigen 17 Prozent. Trotz des Discounter-Modells erzielte der Konzern eine operative Marge von 13,4 Prozent. „Haupttreiber war ein Anstieg bei den Kundenzahlen“, freute sich CEO Jim Conroy bei der Veröffentlichung der Zahlen. Und der erfolgreiche Trend dürfte sich fortsetzen. Die hartnäckige Inflation setzt viele US-Haushalte unter Druck und zwingt sie, ihre Ausgaben anzupassen. Das ist typischerweise ein Umfeld, in dem Discounter wie Ross Stores zur Höchstform auflaufen. An der Wall Street sehen die Anleger die Sache offenbar ähnlich: Die Aktie notiert aktuell fünf Prozent unter ihrem Rekordhoch. Seit dem Jahresbeginn beträgt das Kursplus 27 Prozent.
Fazit
Dress for Success!
Ross Stores macht seine Kunden zu „Schatzsuchern“ – und hat damit seit vielen Jahren Erfolg. Der größte Schatz ist allerdings die Aktie selbst. Anleger sollten nicht zögern und auf den Zug aufspringen.