Im Streit zwischen Novo Nordisk und dem Telemedizin-Anbieter Hims & Hers gibt es eine erstaunliche Wende– die die Aktie vom Hims & Hers am Montag um 50 Prozent steigen lässt. Warum der Anstieg diesmal dauerhaft sein könnte.
Novo Nordisk und Hims & Hers haben im boomenden Markt für Abnehmmedikamente einen überraschenden Schritt gemacht: Der dänische Pharmakonzern zieht seine Patentklage gegen den Telemedizin-Anbieter zurück, wie CNBC berichtet. Novo‑CEO Mike Doustdar sagte dem US-Börsensender: „Wir haben entschieden, die aktuellen Gerichtsverfahren fallen zu lassen.“ Das sei aber kein Freibrief für Hims & Hers. Novo Nordisk behalte sich vor, wieder juristisch nachzulegen, falls es aus Sicht des Konzerns nötig werde. An der Börse führte die Aussage zu einem Befreiungsschlag: Hims & Hers sprang vorbörslich um mehr als 50 Prozent in die Höhe, auch die Aktie von Novo Nordisk legte zu.
(Fast) keine Kopien mehr von Wegovy
Hims & Hers hatte zu Beginn des Abnehme-Booms davon profitiert, dass es in den USA bei Engpässen bestimmter Medikamente erlaubt ist, über Spezialapotheken Arzneien „nachzumischen“. Novo hatte anfangs sogar mit dem Newcomer kooperiert, ihm dann aber später das Mischen untersagt.
Als Hims & Hers dann jedoch im Januar eine Copycat Version der Wegovy Pille ankündigte, die nur 49 Dollar kosten sollte, war das Maß voll. Diesmal berief sich der Newcomer auf eine Ausnahmeregel, weil das Medikament individuell auf jeden Patienten angepasst werde. Novo Nordisk reichte die Klage ein, Hims & Hers nahm die Ankündigung daraufhin – auch auf Druck der US-Arzneimittelbehörde FDA – zurück.
Nun der erneute Kurswechsel: Beide Seiten haben sich geeinigt, dass Hims Novo‑Originalpräparate über die eigene Plattform anbieten darf. Konkret soll Hims & Hers Zugang zu injizierbarem und oralem Semaglutid, dem Wirkstoff in Ozempic und Wegovy, gewährt werden, und zwar „zum gleichen Preis wie andere Telehealth‑Plattformen“. Gleichzeitig wird Hims keine selbst gemischten GLP‑1‑Produkte mehr „für ein Massenpublikum“ bewerben – also nicht mehr breit vermarkten. Novo-CEO Doustdar betonte, Hims habe zugestimmt, sein Geschäftsmodell so anzupassen, dass solche Mischpräparate „nur in seltenen Fällen“ genutzt würden, wenn sie wirklich gebraucht werden.
Neue Kursfantasie für beide Aktien
Für Anleger ist di eneu Entwicklung gleich in mehrfacher Hinsicht spannend. Denn beide Aktien profitieren. Zum einen gewinnt Novo Nordisk in den USA einen vertriebsstarken Mitstreiter im Kampf um Marktanteile gegen Eli Lilly und sein Abnehmmedikament „Mounjaro“. Zweitens eröffnet der Deal Hims & Hers die Chance auf dauerhaftes, „sauberes“ Wachstum ohne Tricks. Der neue Novo-Partner kommentierte, man werde nun auch bestehende Patienten von selbst gemischten Semaglutid-Medikamenten auf zugelassene Medikamente umstellen, wenn das medizinisch passend sei.
Für Novo Nordisk könnte die überraschende Kooperation also ein Gamechanger im US-Geschäft sein. Zumal sich die Nachfrage nach der Wegovy‑Pille offenbar, allen Unkenrufen zum Trotz, weiterhin stark entwickelt. Doustdar sagte, man habe inzwischen mehr als 600.000 Rezepte dafür. Das ist mehr, als die Börse derzeit einpreist.
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Häufige Fragen und Antworten zum Thema
Worin unterscheiden sich die Abnehmmedikamente von Novo Nordisk und Eli Lilly?
Beide basieren auf sogenannten GPL-1-Rezeptoren. Dabei verwendet Novo Nordisk den Wirkstoff Semaglutid, Eli Lilly setzt auf Tirzepatid. In Studien war der Abnehmeerfolg mit dem Medikament Mounjaro von Eli Lilly prozentual etwas höher als mit Wegovy von Novo Nordisk. Langfristige Studien stehen noch aus.
Was ist der Unterschied zwischen Ozempic und Wegovy?
Ozempic wurde von Novo Nordisk für Diabetes-Patenten entwickelt, die unter Übergewicht leiden. Wegovy ist die im Volksmund bekannte "Abnehmepille" der Dänen für alle Übergeiwichtigen Menschen. Der Wirkstoff ist in beiden Fällen der gleiche: Semaglutid. Er unterscheidet sich aber in der Konzentration und Mischung.
Warum ist die Novo Nordisk-Aktie seit Jahresanfang 2026 so stark gefallen?
Der Konkurrenzdruck durch Eli Lilly und Preisdruck auf europäische Hersteller durch die US-Regeirung drücken auf die Umsätze und Gewinne von Novo Nordisk. Der Ausblick der Dänen auf 2026 fiel daher eher vorsichtig aus, was Analysten als Enttäuschung werteten.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Autor, Markus Voss, und der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, sind unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Novo Nordisk.