Die EU kappt die Importquoten für Stahl. Billigware aus China hatte die Preise zuletzt gedrückt. Das könnte sich nun ändern und der Aktie Auftrieb geben
Ab dem 1. Juli 2026 wird chinesischer Stahl in Europa deutlich teurer: Die EU zieht die härtesten Handelsschutzmaßnahmen seit Jahren hoch. Die zollfreie Importquote schrumpft um 40 bis 50 Prozent auf nur noch 18,3 Millionen Tonnen jährlich. Wer darüber hinaus liefert, zahlt 50 Prozent Abgaben. Ab Oktober greift zusätzlich das sogenannte Melt-and-Pour-Prinzip, das Umgehungen über Drittländer blockiert. Die Botschaft an Peking ist klar: Der europäische Stahlmarkt ist kein Selbstbedienungsladen mehr.
Momentumwechsel möglich
Die Wende kommt für Thyssenkrupp zur richtigen Zeit. Der Konzern kämpft seit Jahren darum, seine Stahlsparte wieder profitabel zu machen. Jetzt bekommt er politischen Rückenwind — und der dürfte sich direkt in den Preisen niederschlagen. Die Deutsche Bank rechnet mit einer neuen Preisrange für europäischen Stahl von 600 bis 850 Euro pro Tonne. Das Basisszenario im niedrigen 700-Euro-Bereich gilt dabei als konservativ. Zum Vergleich: Noch vor wenigen Monaten drückten billige Importe die Preise weit darunter. Steel Europe, die Stahlsparte von Thyssenkrupp, produziert rund elf Millionen Tonnen pro Jahr — fast ausschließlich für den europäischen Markt. Jeder gewonnene Euro pro Tonne landet direkt in der Marge. Dem Aktienkurs sollte das Auftrieb geben.
Denn es lief zuletzt schon besser als gedacht. Im ersten Halbjahr 2025/2026 verbesserte Steel Europe das bereinigte Ebit trotz sinkender Umsätze — dank niedrigerer Rohstoff-, Energie- und Personalkosten. Die Restrukturierung greift. Der Konzern baut Stellen ab, verschlankt Strukturen, senkt die Kostenbasis. Das ist schmerzhaft, aber es wirkt. Das bereinigte Ebit des Gesamtkonzerns verdoppelte sich fast auf 409 Millionen Euro. Der Markt hat das noch nicht vollständig eingepreist. Das Ebit selbst lag, wegen hoher Sonderlasten aus der Restrukturierung, im Halbjahr bei minus 174 Millionen Euro. Der freie Cashflow brach auf minus 1,8 Milliarden Euro ein. Das klingt dramatisch. Doch sind dies Einmaleffekte. Das Netto-Finanzguthaben liegt noch bei soliden 2,76 Milliarden Euro. CEO Miguel López macht keinen Hehl aus dem Kurs: „Wir wollen die Neuaufstellung von Steel Europe aus eigener Kraft vorantreiben.“ Die Gespräche mit Jindal Steel über einen Einstieg pausieren seit Mai, mittelfristig könnte die Sparte doch verkauft werden. Dann jedoch wohl zu einem höheren Preis.
Fazit
Thyssenkrupp ist günstig bewertet: Allein die MDAX-Rüstungstochter Marine Systems, an der Thyssenkrupp noch 51 Prozent hält, deckt den Börsenwert mit mehr als 40 Prozent ab. Allein in diesem Beteiligungswert steckt erhebliches Kurspotenzial. Aktuell wird der Konzern deutlich unter Buchwert gehandelt. Ziehen die Stahlpreise weiter an, sollten künftig deutlich höhere Kurse drin sein.