KI-Agenten sollen Softwarefirmen das Wasser abgraben. Doch nun widersprechen Analysten von Morningstar: Viele Burggräben wackeln zwar durch den Angriff von Anthropic & Co. – aber nicht sofort. Besonders zwei etablierte Riesen könnten sogar profitieren.

Morningstar-Analyst Dan Romanoff stellt der Software-Branche ein gemischtes Zeugnis aus: Das Tempo der KI-Entwicklung werde Softwareunternehmen „zweifellos“ treffen – und die Zeit der fast schon garantierten Überrenditen sei vorbei, schreiben Romanoff und sein Team in einer aktuellen Branchenanalyse mit dem (übersetzten) Titel „Was KI für die Wettbewerbsvorteile von Softwareunternehmen bedeutet“.

Doch noch sei nicht alles verloren: „Für Unternehmen wie Salesforce sind weiterhin positive Ergebnisse möglich.“

Die Szenarien

Im Lichte der neuen KI-Konkurrenz hat Morningstar die Wettbewerbsvorteile („Moats“) der Software-Riesen neu bewertet. Um die Unsicherheit greifbar zu machen, arbeiten die Analysten mit Szenarien. Im moderateren Fall schrumpft der Zeitraum, in dem die Unternehmen ihre Wettbewerbsvorteile verteidigen können von bisher 20 auf zehn Jahre. In diesem Zeitraum gelten Preissetzungsmacht, hohe Margen und niedrige Kündigungsraten weiterhin. Im härteren Szenario sind es nur noch fünf Jahre – und auch nur dieser Zeitraum geht in die Discounted-Cashflow-Modelle ein. Zusätzlich unterstellt Morningstar niedrigere Wachstumsraten. Ergebnis: geringere Schätzungen, ein niedrigerer fairer Wert je Aktie.

Warum Morningstar trotz KI-Sorgen nicht den Alarm ausruft

Trotzdem will Romanoff von einer KI-Apokalypse noch nichts wissen. Noch sei vieles undurchsichtig, manches werde sich erst „im Verlauf der KI-Ära“ zeigen. Entscheidend ist: Morningstar glaubt nicht, dass die Burggräben sofort einbrechen. Nur: Wie lange sie wirklich halten, sei heute schwerer zu beantworten als noch vor einem Jahr. Tatsächlich sehen die objektiv verfügbaren, operativen Kennzahlen bislang nicht nach Kollaps aus, schreibt Morningstar.

Die Kundenbindung in der Softwarebranche ist stabil, eine breite Kündigungswelle bleibt aus. Für Morningstar ist das ein wichtiger Hinweis, dass die Moats aktuell „weitgehend intakt“ sind. Wichtige Abo-Kennzahlen steigen vielerorts sogar schneller als die Umsätze. Das gilt vor allem für die jährlich wiederkehrenden Erlöse (ARR) und die bereits vertraglich gebundenen, künftig zu liefernden Leistungen (RPO). Solange diese Größen wachsen, wirken sie wie ein Stoßdämpfer gegen den KI-Schock: Die Kunden zahlen weiter, die Verträge laufen, die Plattformen bleiben im Alltagsgeschäft verankert.

Und auch die Margen steigen weiterhin – das widerspricht dem verbreiteten Börsen-Narrativ, dass die Aufholjagd, etwa bei KI-Cloud-Diensten, vor allem Kosten verursachen und an der Profitabilität nagen werde. Morningstar dreht die Perspektive: Die eigentliche Gefahr liege weniger im nächsten Quartal, sondern in der Frage, ob die Unternehmen ihre Überrenditen über Jahre verteidigen können.

Denn tatsächlich könnte KI Features leichter kopierbar machen, neue „AI-first“-Angreifer auf den Plan rufen und die Preissensibilität der Kunden erhöhen: Wenn Automatisierung und Agenten als Alternative leichter verfügbar werden, dürfte der Druck auf die Vertragskonditionen steigen. Morningstar erwartet, dass sich diese Effekte innerhalb der nächsten fünf Jahre deutlicher zeigen und sich anschließend verstärken könnten. Die Branche steht damit zwar nicht vor dem Absturz – aber vor einer Phase, in der Prognosen schwieriger und Bewertungsreserven dünner werden.

Zwei Gewinner

Ausgerechnet zwei der bekanntesten Namen sieht Morningstar als besonders gut gerüstet an: Salesforce und ServiceNow. Sie hätten früh begriffen, dass sie mehr bieten müssten als „KI als Feature“. Es gehe um KI als Geschäftsmodell. Beide Unternehmen hätten schon begonnen, agentenbasierte KI-Anwendungen direkt in ihre Plattformen zu integrieren – und die Nutzung verbrauchsabhängig abzurechnen. Das heißt: Je mehr Agenten und KI-Automatisierungen beim Kunden laufen, desto höher fallen die Erlöse aus. Das mache KI für sie zur neuen Umsatzmaschine.

Morningstar betont außerdem die Vertriebs- und Plattformvorteile der etablierten Anbieter: Große, breit ausgerollte Softwareplattformen hätten es leichter, KI-Lösungen in bestehende Workflows zu bringen. Kunden dürften solche Agenten eher „innerhalb funktionaler Plattformen“ einsetzen als als isolierte Insellösung. Für Salesforce sieht Morningstar besonders gute Karten, weil der Konzern sowohl im Customer Relationship Management (CRM) als auch im Kundenservice stark positioniert ist. Mit steigender KI-Nutzung könne dort der Anteil verbrauchsabhängiger Umsätze wachsen – und das Geschäftsmodell sich organisch weiterentwickeln.

Salesforce (WKN: A0B87V)

Argumente gegen die Apokalypse

Gleichzeitig bremst Morningstar ein Stück weit die Euphorie vieler KI-Fans: Bislang seien KI-Produkte kein Umsatz-Turbo in der Branche, auch weil Unternehmenslenker Halluzinationen der KI-Modelle und „abtrünnige Agenten“ fürchten. Der Beitrag von KI-Lösungen am Umsatz liege bei den börsennotierten Softwarefirmen in Summe erst bei rund ein bis fünf Prozent des Umsatzes und der wiederkehrenden Erlöse.

Hinzu komme ein sehr praktisches Nadelöhr: Selbst im pessimistischen Fall fehle derzeit ausreichend Inferenzkapazität, um Menschen in großem Stil durch KI-Modelle zu ersetzen – und Morningstar erwartet das auch nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre. Ein Markt von rund 1,4 Billionen Dollar, die die Softwarebranche jährlich umsetzt, lasse sich nicht „mal eben“ auf einen neuen Stack umstellen.

Ein unbequemer Punkt bleibt dennoch: Langfristig könnte die Zahl der genutzten Softwarelizenzen langsamer wachsen – oder irgendwann sinken, weil die KI Mitarbeiter produktiver macht. Morningstar hält das für den stichhaltigsten Teil des pessimistischen Szenarios. Die Gegenrechnung lautet: Wenn die Branche Künstliche Intelligenz rechtzeitig implementiert und ihre Preismodelle anpasst, könnte sie dadurch einen Teil der entgangenen Lizenzumsätze kompensieren. Romanoff erinnert an die Open-Source-Debatte Anfang des Jahrtausends: Auch damals wurde das baldige Ende der proprietären Software prophezeit – es kam anders. Denn nicht nur der Code zähle, sondern auch Plattformdesign, Support, Dokumentation und Problemlösung.

Fazit

Die über Jahre errichteten Burggräben in der Softwarebranche stürzen nicht sofort ein. Aber der Gegenwind für die Bewertungen wird schärfer. Anleger sollten vor allem auf den folgenden Unterschied achten: Wer verkauft künftig nur Software – und wer verkauft Produktivität – am besten abgerechnet als Verbrauchsmodell?

ServiceNow (WKN: A1JX4P)

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