Mit einer hohen Wahlbeteiligung und einer Zweidrittelmehrheit für die Tisza-Partei wurde Victor Orbáns Regierung deutlich abgestraft. Die Erwartungen sind hoch. So profitieren Anleger.
Der Weg für große Veränderungen ist frei. An den Anleihen- und Aktienmärkten feiern Investoren den klaren Sieg von Ungarns künftigem Ministerpräsidenten Peter Magyar bei der Parlamentswahl. Mit 79,5 Prozent erreichte die Wahlbeteiligung einen Rekord. Mit der Zweidrittelmehrheit seiner Partei Tisza, benannt nach dem ungarischen Fluss, kann Magyar alle Register ziehen, um mit dem populistischen und demokratiefeindlichen Erbe seines Vorgängers Viktor Orbán aufzuräumen. Die EU will mit der neuen Regierung „intensiv“ an den Reformen arbeiten, die nötig sind, um die rund 20 Milliarden Euro eingefrorenen Fördermittel freizugeben. Der Aktienindex der Budapester Börse, der sei Jahresbeginn um mehr als 20 Prozent zugelegt hatte, zog deutlich an, ebenso die Kurse von Ungarns Staatsanleihen.
Ein Neuanfang
Die Aufwertung des Forint treibt die Kurse zusätzlich. Das Wahlergebnis sei ein „Neuanfang“ für ungarische Vermögenswerte, sagte Soeren Moerch, Fondsmanager der Danske Bank AS. In Erwartung auf diesen Wahlausgang hat die Bank seit drei Monaten ungarische Anleihen und Aktien gekauft. Top-Werte des Aktienindex wie die OTP Bank und der Pharmakonzern Richter Gedeon haben viel Potenzial.
Die britische HSBC Bank stufte ungarische Aktien ebenfalls auf „Übergewichten“ ein. HSBC-Investmentstratege Alastair Pinder erwartet, dass die Risikoprämien für ungarische Aktien und Anleihen, ähnlich wie beim proeuropäischen Regierungswechsel in Polen im Jahr 2023, deutlich sinken werden. Der Treiber dafür ist die bessere Integration des Landes in die EU. Pinder taxiert den Bewertungsabschlag auf die Fundamentaldaten der ungarischen Firmen auf 40 Prozent.
Die größten Nutznießer der erwarteten Freigabe der EU-Fördermittel seien die Banken, wie OTP. Die Aufhebung von Strafabgaben, die Ungarns Regierung und die Zentralbank von den Kreditinstituten bisher einforderten, sind ein zusätzlicher Kurstreiber. Ungarns größtes Institut, die OTP Bank, musste 2025 umgerechnet 838 Millionen Euro überweisen. Für 2026 werden die Strafabgaben auf über eine Milliarde Euro geschätzt. Das entspricht rund einem Fünftel des Gewinns vor Steuern. Die deutliche Entlastung bei den Kosten sollte die Aktie des Geldinstituts mit solider Bilanz weiter anschieben.
Die Sondergebühr zeigt, wie stark der scheidende Regierungschef in den 16 Jahren an der Macht Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu seinen Gunsten und der seiner Getreuen verändert hat. Ausgestattet mit einer Zweidrittelmehrheit will der künftige Regierungschef Magyar das zügig ändern. Mit Staatspräsident Tamás Sulyok vereinbarte Magyar einen beschleunigten Übergang der Regierungsgeschäfte und forderte das Staatsoberhaupt auf, nach der Konstituierung der Regierung zurückzutreten. Sulyok habe sich als moralisch ungeeignet erwiesen, da er Orbáns Machtübernahme mitgetragen und sich als Präsident nicht gegen Korruption ausgesprochen habe. Sulyok zieht nun einen Rücktritt in Betracht.
Im August endet Frist für zehn Milliarden
Anders als in Polen, wo der Machtkampf zwischen Staatspräsident Karol Nawrocki und Regierungschef Donald Tusk schwelt, deutet sich damit bei den Reformen ein schnelles Tempo an. Das ist dringend geboten: Für 10,4 Milliarden Euro EU-Fördergelder läuft die Frist bis August. Zurückholen will Magyar auch die Anteile von jeweils zehn Prozent am Ölraffineriebetreiber Mol Hungarian und dem Pharmakonzern Richter Gedeon, die Orbán der Stiftung Mathias Corvinus Collegium übertrug: Sie wurde zur Verbreitung seiner Ideologie der „illiberalen Demokratie“ gegründet.
Die nach seinem Gründer, dem Apotheker Gedeon Richter, benannte Firma ist Ungarns größter Pharmakonzern. Für 2026 werden Umsatz und Nettogewinn auf 2,6 Milliarden Euro Umsatz beziehungsweise knapp 714 Millionen Euro geschätzt. Der Konzern ist ein Entwickler von Wirkstoffen in der Gynäkologie, zur Verhütung, für Myomtherapie und Hormonersatztherapien. Arzneien zur Behandlung des zentralen Nervensystems, vor allem Antipsychotika und bipolare Störungen, sind der zweite Bereich. Die Segmente liefern knapp 38 beziehungsweise 30 Prozent des Umsatzes.
Der verbleibende Anteil von etwas mehr als einem Drittel sind günstige Nachahmer-Arzneien von Wirkstoffen mit ausgelaufenem Patentschutz, aktuell überwiegend Generika herkömmlich hergestellter Wirkstoffe. Biosimilars, Nachahmer von biotechnisch entwickelten Originalwirkstoffen, legen aber zu. Bei Generika und Biosimilars kooperieren die Budapester in Deutschland mit Stada und der Helm AG, bei der Entwicklung von Originalarzneien ist es der Pharmakonzern Abbvie.
Die Amerikaner vertreiben auch Richter Gedeons Antipsychotikum Vraylar in den USA. Sorgen über geringere Verkäufe des Medikaments, das im letzten Quartal 2025 die Marke von einer Milliarde US-Dollar Umsatz durchbrochen hatte, aufgrund von auslaufendem Patentschutz brauchen sich Anleger nicht zu machen. Der Schutz für das Präparat gilt noch bis Anfang 2031. Die Erlöse bleiben ein Treiber des Cashflows. Auch Daten aus der Phase-II-Studie des Wirkstoffs ABBV-932 zur Behandlung von bipolaren Störungen, der mit Abbvie entwickelt wird, könnten den Dividendentitel beflügeln.
Ein gutes Dividenden-Investment ist auch Magyar Telekom. Ungarns führender Mobilfunk- und Festnetzbetreiber, an dem die Deutsche Telekom fast 66 Prozent der Anteile hält, profitiert von der am besten ausgebauten Telekom-Infrastruktur Osteuropas. Ohne inflationsbedingte Gebührenerhöhungen erwarten die Analysten von Patria Finance aus der belgischen Bankengruppe KBC jährliche Erlöszuwächse von 2,2 Prozent bis 2030. Für 2025 wurden 90 Prozent des bereinigten Nettogewinns für Dividenden und Aktienrückkäufe ausgeschüttet. Die Spanne liegt bei 60 bis 100 Prozent.
Fazit
Der Pharmakonzern Richter Gedeon ist in seinen Spezialgebieten gut aufgestellt, Generika finanzieren auch die Forschung. Beim Aufschwung früh dabei sind Anleger über Staatsanleihen, die OTP Bank und Magyar Telekom.