UniCredit-Chef Andrea Orcel geht im Übernahmepoker um die Commerzbank sehr durchdacht vor. Warum das aktuelle Übernahmeangebot nur ein erster Schritt ist – und was der Italiener wirklich vorhat.
Mit seinem Übernahmeangebot vom Montag hat Unicredit-Chef Andrea Orcel die Übernahmefantasie um die Commerzbank neu entfacht. Überraschend war jedoch, dass Unicredit nur vier Prozent mehr bietet als der Commerzbank-Schlusskurs vom letzten Freitag. Zudem schrieb Unicredit in seiner Mitteilung, dass man selbst nicht damit rechne, mit dem Angebot die Kontrolle über die Commerzbank zu erlangen. Was also soll dann das Ganze?
Was haben die Italiener vor?
„Wir wollen die Pattsituation durchbrechen“, sagte Orcel laut Handelsblatt auf einer Morgan-Stanley-Konferenz in London. Es sei „Zeit zu reden“. Für den Fall, dass es keinen konstruktiven Dialog gebe, schloss Orcel jedoch ein feindliches Angebot nicht aus – also eine Offerte ohne Zustimmung des Commerzbank-Managements.
Die Börse reagierte auf diese Aussage am Mittwoch prompt: Der Commerzbank-Kurs stieg zeitweise über 34 Euro. Dahinter steckte die Spekulation auf ein neues, höheres Angebot.
Was in Wahrheit hinter dem Angebot steckt
Aber will Orcel das überhaupt? Und will er es vor allem jetzt? Wie DER AKTIONÄR berichtet, könnte sich bei dem am Montag eingereichten Angebot auch um eine Taktik handeln, einen Zwischenschritt vor einer endgültigen Übernahme.
Tatsächlich hätte Unicredit ein Pflichtangebot unterbreiten müssen, sobald die Italiener ihre Beteiligung von derzeit 26 Prozent über 30 Prozent aufstocken. Die fehlenden vier Prozent haben sich die Italiener bereits über Optionen gesichert. Dann wäre auch eine Barkomponente Pflicht gewesen, erklärt DER AKTIONÄR.
Indem Orcel nun aber vorzeitig ein freiwilliges Angebot macht, ist er von einem späteren Pflichtangebot beim Überschreiten der 30 Prozent befreit. Ein neues Pflichtangebot würde erst wieder bei 50 Prozent fällig. Dieser Umstand dürfte auch der Grund sein, warum das aktuelle Angebot eher unattraktiv wirkt: Es ist noch gar nicht die Offerte, mit der sich Unicredit die Commerzbank einverleiben will.
Unicredit hat alle Trümpfe in der Hand
Tatsächlich hat Unicredit-Chef Orcel damit weiterhin alle Trümpfe in der Hand: Er kann das Commerzbank-Management wieder für lange Zeit im Unklaren darüber lassen, ob und in welchem Umfang Unicredit die Beteiligung weiter aufstockt. Das ist ein perfektes Druckmittel, um die Frankfurter endlich an den Verhandlungstisch zu zwingen. Und auch die Bundesregierung dürfte nun bald das Gespräch mit den Italienern suchen.
Außerdem muss sich der Bank-Boss erst einmal die notwendige Kapitalerhöhung von seinen eigenen Aktionären genehmigen lassen, um die Commerzbank-Aktionäre auszuzahlen. Die außerordentliche Hauptversammlung dafür soll Anfang Mai stattfinden.
Bis dahin vergeht noch viel Zeit – die Unicredit in die Hände spielt. Denn vermutlich ebbt die ganz große Übernahmebegeisterung an der Börse zwischendurch wieder etwas ab – und dann wird ein neues Angebot für den Unicredit-Chef sogar günstiger. Dieser zweite Akt im Übernamedrama hat schon begonnen: Am Donnerstag fiel die Commerzbank-Aktie um fünf Prozent.
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Häufige Fragen zum Thema
Wieviel bietet Unicredit für die Commerzbank?
Unicredit bietet laut Mitteilung vom 16.3.2026 umgerechnet 30,80 Euro pro Aktie, zahlbar in eigenen Unicredit-Aktien. Bisher ist keine Barkomponente vorgesehen.
Warum wehrt sich die Commerzbank gegen die Übernahme?
Die Commerzbank verweist auf die Vorteie ihre Eigenständigkeit und ihre Bedeutung für die Finanzierung des deutschen Mittelstands. Außerdem hält sie das Angebot, das nur vier Prozent über dem Schlusskurs vom vergangene Freitag liegt (13.3.2026), für zu gering.
Wie urteilt die Börse?
Der Kurs der Commerzbank-Aktie stieg am Mittwoch weit über den Angebotspreis hinaus, offenbar in Erwartung einer Anhebung der Offerte. Als diese ausblieb, fiel der Kurs am Donnerstag (19.3.) deutlich um fünf Prozent.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Commerzbank.