Kolumne „Voss gibt Vollgas“: Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat am Freitag Finanzziele vorgestellt, die selbst viele Analysten für extrem ambitioniert halten. Ist es das wert, um Unicredit aus dem Feld zu schlagen? Ein Kommentar von Markus Voss

Die Commerzbank ist so etwas wie der SC Freiburg der Bankenwelt: Solide gemanagt, selten über längere Zeit konstant in ihren Leistungen, aber immer wieder für eine Gewinnüberraschung gut. Und eigentlich mag sie jeder, vor allem der Mittelstand.

Ganz anders als die Deutsche Bank, der FC Bayern der deutschen Bankenszene. Von der Konkurrenz gehasst, kalt, reich – und manchmal ein bisschen undurchsichtig. Und in manchen Skandal verwickelt. Als ihr damaliger Chef Josef Ackermann im Jahr 2003 das Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent ausrief, hagelte es Kritik. Von „Raubtierkapitalimus“ war die Rede. Das passte so richtig zum Bild von den zynischen Erzkapitalisten in den verspiegelten Zwillingstürmen.

Das ZIel: Kein Aktionär soll diese unfassbar attraktive Aktie abgeben

23 Jahre später sieht sich Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp mit einer drohenden Übernahme durch die italienische Unicredit konfrontiert. Ihr Vorgänger Manfred Knof hatte 2024 dankend abgelehnt, seinen Vertrag zu verlängern, als er erfahren hatte, dass die Italiener sich an seine Bank heranpirschen. Die Finanzchefin Orlopp übernahm den Chefposten im September 2024 und muss seitdem darum kämpfen, dass die Commerzbank unabhängig bleibt.

Sie kann das, sie ist smart, mutig – und sie weiß zu argumentieren. Ihre Strategie ist die einer Finanzchefin: Alle Kennziffern müssen hoch. Die Commerzbank soll so groß, rentabel und wertvoll werden, dass Unicredit sie nicht mehr schlucken kann. Dass kein Aktionär diese unfassbar attraktive Aktie freiwillig abgeben würde.

Die neuen Finanzziele sind extrem ambitioniert

Der Gewinn? Soll sich bis 2030 auf 5,9 Milliarden Euro steigern. Das wäre mehr als doppelt so viel wie die 2,6 Milliarden Euro, mit denen die Bank 2025 abgeschlossen hat. Der bisherige Rekordgewinn aus 2024 steht nur 100 Millionen Euro höher.

Die Cost-Income-Ratio, also das, was nach Abzug der Kosten als Ertrag bleibt, soll auf 43 Prozent sinken. Im ersten Quartal waren es schon sehr gute 53 Prozent. Alles unter 50 Prozent gilt in der Bankenwelt als sehr gut, Note 1. Orlopp will noch besser sein. Doch solche Werte erreichen in der Regel nur Direktbanken ohne eigene Filialen.

On top will die Commerzbank-Chefin künftig volle 100 Prozent des Gewinns an die Aktionäre ausschütten. Eine phänomenale Quote, die keine andere Bank bietet und die man sonst nur von immobilienverwaltenden REITs kennt.

Aber woher kommt dann ein Puffer für schlechte Zeiten? Für heftige Kreditausfälle in einer möglichen Wirtschaftskrise? Eigenkapital habe die Bank genug, beruhigen die Commerzbank-Bosse. Schließlich liege man bei einer Kernkapitalquote von 14,5 Prozent, vorgeschrieben wären bei dieser Bilanzsumme eigentlich nur 10,3 Prozent. Da könne man die Zahl ganz easy auf 13,5 Prozent absenken.

Aber wäre das richtig?

Ackermann wurde für so eine Zahl verbal gesteinigt

Und dann nahm Orlopp am Freitag eine Zahl in den Mund, die ihr womöglich noch um die Ohren fliegen wird: „21 Prozent Eigenkapitalrendite“ soll die Bank bis 2030 erwirtschaften. Das liegt gefährlich nahe an der Ackermann-Schwelle, für die dieser öffentlich verbal gesteinigt wurde. Ob sie sich damit vergleichen wolle und keinen politischen Gegenwind fürchte, wurde die Bankchefin von einem angelsächsischen Journalisten gefragt. „Oder darf man als deutsche Bank mittlerweile hochprofitabel sein?“

Gute Frage. Schließlich ist Finanzminister Lars Klingbeil von der SPD nach Unicredit Orlopps zweitgrößter Aktionär. Der Bund sitzt auch im Aufsichtsrat. Orlopp verwies in der Telefonkonferenz darauf, dass auch andere Banken Gewinne in dieser Größenordnung erzielen würden und das nun mal die Benchmark sei.

Zerreißt es die Commerzbank?

Die Frage wird nun sein, ob es die Commerzbank unter Orlopps Finanzzielen nicht zerreißt. Denn um diese Art von Gewinnsteigerung zu erreichen, werden die Bankchefin und ihr Vorstand noch härtere Einschnitte vornehmen müssen als die Streichung der weiteren 3.000 Stellen, die Orlopp heute ankündigte. Ihre Gewinnziele setzen voraus, dass nicht nur das Kreditgeschäft samt Margen exorbitant anzieht, sondern auch die Provisionserlöse. Soll heißen: Die Kunden müssen der Commerzbank reihenweise (noch) mehr Produkte aus den Händen reißen, für die die Bank Provisionen oder Gebühren kassieren kann.

Ist das noch die kundennahe Commerzbank, die sich über Jahrzehnte volksnah gab und auch wegen ihrer Fairness gelobt wurde?

Orlopp muss damit rechnen, dass sie schon bald mit einer kaltherzigen Kapitalistin verglichen wird, während Unicredit-Chef Andrea Orcel – der ohne Frage ähnlich vorgehen würde – vom fernen Mailand aus genüsslich zusehen kann, wie die Commerzbank an den eigenen Ansprüchen zerbricht.

Schon bereit für Inter Mailand?

Der SC Freiburg ist am Donnerstag durch einen 3:1-Sieg über Braga ins Finale der Euro League eingezogen. Journalisten, die sich im Fußball auskennen, bezeichnen das als „kleine Sensation“. Freiburgs Trainer Julian Schuster würde aber nie sagen: „Und nächstes Jahr schlagen wir PSG“ oder – um im Bild zu bleiben – Inter Mailand.

Bettina Orlopp traut sich das.

Man kann nur hoffen, dass es gutgeht. Manchen Anlegern wurde nach den Aussagen in der Analysten- und der Pressekonferenz angst und bange. Die Aktie verlor im Xetra-Handel am Freitag fast vier Prozent.

Der Kurs der Unicredit gab dagegen, in Einklang mit dem schwachen Markt, nur 1,2 Prozent ab. Damit ist Orcels Angebot, das bislang deutlich unter dem Commerzbank-Kurs lag, ein ganzes Stück attraktiver geworden.

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Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Commerzbank.