500 Milliarden Euro will die Bundesregierung investieren. In diesem Jahr soll es richtig losgehen. Vier Unternehmen, mit denen Anleger profitieren.
Geld ausgeben ist gar nicht so einfach. 500 Milliarden Euro will die Bundesregierung über das „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“ in die Sanierung Deutschlands pumpen. Die Gefahr bei so extremen Summen ist immer groß, dass auch unsinnige Projekte finanziert werden. Darum wird genau geprüft. Hinzu kommen bürokratische Formalitäten. Unternehmen beklagen, dass das Geld bislang nur langsam in der Realwirtschaft ankommt. 2026 aber soll es richtig losgehen.
Der Plan der Bundesregierung sieht vor, dass aus dem Sondervermögen in diesem Jahr Aufträge mit einem Volumen von 58,9 Milliarden Euro vergeben werden. Zusätzlich sollen 80,4 Milliarden an Zusagen verteilt werden. Der größte Posten, mehr als 21 Milliarden, geht in die Verkehrsinfrastruktur. Andere Zielbereiche sind unter anderem die Energieinfrastruktur oder auch die Digitalisierung. Das Investitionsprogramm soll nicht nur jenen Unternehmen helfen, die konkrete Aufträge erhalten, sondern auch die Gesamtwirtschaft ankurbeln. Die deutsche Wirtschaft kann Unterstützung gut gebrauchen. Der Nahostkonflikt hat vor allem über die Energiekosten neue Belastungen gebracht. Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose für das Wachstum der Bundesrepublik im laufenden Jahr gerade von 1,1 auf 0,8 Prozent gesenkt. Für das kommende Jahr erwarten die Experten ein Wachstum von 1,2 Prozent. Nach Jahren der Stagnation wäre das zumindest wieder eine Eins vor dem Komma.
Nach deutlichen Kursgewinnen im vergangenen Jahr sind jetzt im Schatten des Nahostkonflikts auch die Gewinner der Infrastrukturinvestitionen deutlich unter Druck geraten. Bei einigen Titeln sind die Kurse in der Spitze um mehr als 30 Prozent gefallen. Das bietet Neueinsteigern Kaufgelegenheiten. Die Redaktion hat vier Aktien von Unternehmen aus Deutschland identifiziert, die von den Infrastrukturinvestitionen profitieren.
Der Ingenieur des Aufschwungs
Nah dran an den Nöten der deutschen Industrie ist Bilfinger-Chef Thomas Schulz. Die Regierung habe alle richtigen Dinge auf dem Tisch — die Umsetzung müsse jetzt oberste Priorität haben, betonte Schulz bei der Vorlage des Geschäftsberichts. In den Zahlen des Industriedienstleisters aus Mannheim zeigen sich die Probleme Deutschlands: Während der Umsatz des Konzerns stetig steigt, ist der Anteil des Heimatlands am Umsatzvolumen von einst 28 auf 18 Prozent gesunken. Die Investitionsoffensive der Bundesregierung könnte den Trend drehen. Bilfinger würde eher indirekt und trotzdem spürbar profitieren. Als Dienstleister deckt der Konzern den gesamten Lebenszyklus von Industrieanlagen ab: von Planung und Bau über Betrieb und Wartung bis Erweiterung und Generalrevision. Bilfinger kann diese Dienste effizienter und kostengünstiger anbieten als der Eigentümer selbst.
Kunden kommen aus allen Märkten der Prozessindustrie, insbesondere Chemie, Energie, Öl & Gas, aber auch Pharma. Zusätzliche Aufträge könnte Bilfinger beispielsweise im Rahmen von Investitionen in die Energie- oder auch die Krankenhaus-Infrastruktur erhalten. Ein anderer Effekt: Kunden aus den zyklischen Bereichen wie der Chemie würden bei einer stärkeren Konjunkturdynamik in Deutschland wieder stärker investieren, was Bilfinger ebenfalls neue Aufträge bringen dürfte.
Bis zum Jahr 2030 will der Konzern den Umsatz um durchschnittlich acht bis zehn Prozent verbessern. Die Ebitda-Marge soll von zuletzt 5,5 auf acht bis neun Prozent steigen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis dürfte bis zum Jahr 2028 auf weniger als elf schrumpfen. Das ist angesichts der steigenden Marge und einer hohen Kundentreue eine moderate Bewertung.
Lebensadern der Gesellschaft
Manch einer wird es gemerkt haben: Auf den Strecken der Deutschen Bahn gibt es viele Baustellen. Allein im laufenden Jahr will der Staatskonzern mehr als 23 Milliarden Euro in das Schienennetz stecken. Das Volumen dürfte in den kommenden Jahren hoch bleiben. Neben dem laufenden Etat wird Geld aus dem Sondervermögen für Bewegung sorgen.
Schienenwege seien genau wie Straßen und Energienetze „Lebensadern unserer Gesellschaft“, betont Vossloh-Chef Oliver Schuster. Das im SDAX notierte Unternehmen ist Spezialist für den Bau und die Wartung von Schieneninfrastruktur. Zu den Produkten gehören Schienenbefestigungen, Weichensysteme oder auch Betonschwellen. Wartungsdienste sind ebenfalls ein wichtiger Posten.
Die Südwestfalen sollten damit ein klarer Profiteur der Infrastrukturinvestitionen der Bundesregierung sein. Schon jetzt rollen Aufträge herein. Im März hat Vossloh mit der Deutschen Bahn einen Rahmenvertrag für Weichengroßteile geschlossen. Das Gesamtvolumen könnte über eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren deutlich über 100 Millionen Euro liegen. Auch international wird in Mobilität investiert. Im vergangenen Jahr sicherte sich Vossloh unter anderem Großaufträge für neue Hochgeschwindigkeitsverbindungen in Großbritannien und China.
Verzerrt wird die Bilanz des Unternehmens derzeit noch durch die im vergangenen Oktober abgeschlossene Übernahme des Betonschwellenherstellers Sateb. Die größte Übernahme der Firmengeschichte hat den Umsatz und die Mitarbeiterzahl um etwa ein Viertel vergrößert. Der operative Gewinn dürfte im laufenden Jahr weiter zulegen. Der Analystenkonsens erwartet einen Anstieg des Ebit um knapp 18 Prozent und liegt damit am oberen Rand der Zielspanne des Unternehmens. Das KGV der Aktie dürfte bis zum Jahr 2028 auf rund 16 sinken. Angesichts der Dynamik im operativen Geschäft sehen wir Überraschungspotenzial.
Die Bremsen lockern
Eine zweigeteilte Investmentstory ist Knorr-Bremse. Die Münchner sind vor allem als Spezialist für Bremssysteme bekannt. Zum Portfolio gehören zahlreiche Komponenten für Schienen- und Nutzfahrzeuge. Knorr-Bremse rüstet Nahverkehrszüge, U-Bahnen, Güterzüge, Lokomotiven oder auch Hochgeschwindigkeitszüge aus. Zu Jahresbeginn sicherte sich der im MDAX notierte Konzern einen Großauftrag von Alstom mit einem Volumen im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Im Rahmen dieses Projekts liefert Knorr-Bremse für bis zu 90 S-Bahnen Brems-, Klima- und Kupplungssysteme. Die Züge sollen in der Rhein-Ruhr-Region eingesetzt werden. Zu den Kunden gehört unter anderem auch die Bahnsparte von Siemens. Aufträge aus dem Infrastrukturprogramm der Bundesregierung dürften Knorr-Bremse in der zweiten Jahreshälfte erreichen und 2027 auch in der Bilanz spürbar sein.
Die Bahnsparte bewegt sich in einem strukturellen Wachstumsmarkt, der vom Aufstieg der Großstädte oder auch Investitionen in Klimaschutz profitiert. Im vergangenen Jahr kaufte der Konzern die Schweizer Duagon Group, einen Spezialisten für Steuerungslösungen und Signaltechnik mit rund 1.000 Elektronik- und Softwareexperten. Die Übernahme soll bei der digitalen Transformation helfen. In der Nutzfahrzeugsparte, in der Knorr-Bremse Produkte und Systeme vor allem für Lkw anbietet, geht es derzeit eher um eine zyklische Erholung oder zumindest Stabilisierung. Der Vorstand stellt für den Gesamtkonzern für das laufende Jahr eine operative Ebit-Marge von rund 14 Prozent in Aussicht. Bei dieser Kennziffer sehen Analysten mittelfristig weiteres Verbesserungspotenzial.
Gewinner der Energiewende
Eines der großen Infrastrukturprojekte in Deutschland ist die Süddeutsche Erdgasleitung, die sich auf einer Strecke von 250 Kilometern von Lampertheim in Hessen bis nach Bissingen in Bayern erstrecken soll. Zu den Profiteuren der Investitionen gehört die Friedrich Vorwerk Group. Das im SDAX notierte Unternehmen erhielt im vergangenen Jahr als Teil einer Arbeitsgemeinschaft den Auftrag zur Realisierung eines 61 Kilometer langen Abschnitts. Es ist bereits der dritte Auftrag, den die Niedersachsen im Rahmen des Projekts erhalten haben.
Friedrich Vorwerk ist Pipeline- und Anlagenbauer für die drei Kernmärkte Erdgas, Strom und Wasserstoff. Das Unternehmen sieht sich selbst als einen wesentlichen Profiteur der europäischen Energiewende. Das Geschäft wächst, die Auftragsbücher sind gefüllt. Analysten erwarten für das laufende Jahr einen Umsatz von 769 Millionen Euro. Dem standen zuletzt Aufträge mit einem Volumen von mehr als einer Milliarde Euro entgegen. Die Nettoliquidität ist auf 262 Millionen Euro gestiegen. Berenberg erwartet, dass das Unternehmen vom strukturellen Wachstumstrend bei den deutschen Investitionen in die Energienetze profitieren wird. Analysten prognostizieren, dass der Nettogewinn im laufenden und kommenden Jahr um jeweils rund zehn Prozent steigen wird, und das bei einer Ebitda-Marge von mehr als 20 Prozent.
Fazit
Die massiven Investitionen der Bundesregierung bringen einigen Unternehmen deutliche und von den Schwankungen der Weltkonjunktur unabhängige Zusatzeinnahmen. Das sollte sich positiv auf die Aktienkurse auswirken.