Nach heftigen Unregelmäßigkeiten in der Bilanz und einem beispiellosen Kurssturz musste dieses Unternehmen erst kürzlich den SDAX verlassen. Doch am Donnerstag lässt eine neue Meldung den Kurs zeitweise um 20 Prozent anspringen. Das ist passiert.

Der Verpackungsspezialist Gerresheimer schreibt seit fast zwei Jahren eines der unrühmlichsten Kapitel an den deutschen Börsen: Ungereimtheiten in der Bilanz und gleich mehrere Rüffel durch die Börsenaufsicht BaFin ließen den Kurs seit dem Spätsommer 2023 von knapp 123 bis auf 17 Euro abstürzen – ein Minus von 86 Prozent.

Nachdem Gerresheimer zuletzt sogar die Vorlage der Bilanz verschieben musste, weil neue Fehler gefunden wurden,schloss die Deutsche Börse das Unternehmen sogar aus dem SDAX aus, weil es die Veröffentlichungsanforderungen nicht erfüllt hatte. Erst im Dezember war die Aktie aus dem MDAX in den SDAX abgestiegen.

Kreditgeber gewähren Aufschub

Doch offenbar haben nun zumindest die Kreditgeber ein Einsehen: Am Donnerstag meldete der Spezialverpackungshersteller, dass sich das Unternehmen mit ihnen auf eine Fristverlängerung für den testierten Jahres- und Konzernabschluss 2025 geeinigt habe. Prompt schwenkte die Aktie auf Erholungskurs: Mit Leichtigkeit überwand sie die Marke von 21 Euro, was zeitweise einem Kursplus von 20 Prozent entsprach. Mit 21,10 Euro notiert die Gerresheimer-Aktie nun so hoch wie zuletzt Ende März.

Gerresheimer (WKN: A0LD6E)

Analysten finden erstmals wieder positive Worte

Analyst James Vane-Tempest von Jefferies sieht noch einen weiteren positiven Punkt: Neben der Einigung mit den Kreditgebern kommt Gerresheimer offenbar auch bei der geplanten Veräußerung der US-Tochter Centor voran, deren Abschluss noch vor Jahresende erfolgen könnte. „Das Interesse ist groß, und es gibt eine zweistellige Anzahl an Interessenten“, schrieb der Analyst in einem Kommentar. Außerdem habe das Management bekräftigt, dass die Entwicklung im Geschäftsjahr 2026 den Erwartungen entspreche und das Auftragsniveau solide sei.

Bernstein-Expertin Delphine Le Louet sprach angesichts der Neuigkeiten bei Gerresheimer von einer „kleinen Erleichterung“. Die Entscheidungen des aktuellen Managements seien richtig und böten den Gläubigern eine gewisse Transparenz, „die eine Insolvenz verhindern könnte“.

Der Nebel lichtet sich – aber nur sehr langsam

Der neue, seit November eingesetzte Vorstandschef Uwe Röhrhoff hatte im Februar erstmals eine Verschiebung des Jahresabschlusses angekündigt und eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit der Klärung der Bilanzprobleme beauftragt. Am selben Tag brach der Kurs um 30 Prozent ein.

Im Herbst 2024 hatte Gerresheimer erstmals mit einer heftigen Gewinnwarnung für 2024 und 2025 die Anleger in die Flucht geschlagen. Im Juni 2025 wurden die Zahlen nochmals stark nach unten korrigiert. Analysten bemängelten die Transparenz des Unternehmens und sprachen von Zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Managements unter dem damaligen Vorstandschef Dietmar Siemssen.

Für Bernstein-Analystin Le Louet ist klar: Die Probleme für Gerresheimer kamen vor allem mit der Übernahme von Bormioli im Mai 2024. Durch diesen Schritt habe sich „die Unternehmensgeschichte von einer Equity-Story zu einer Bond-Story gewandelt“. Dies sei mit einer massiven Verschlechterung der Profitabilität und mangelnder Transparenz in der tatsächlichen Geschäftsentwicklung einhergegangen, habe dann in den von BaFin untersuchten Bilanzierungs- und Governance-Problemen gemündet und zu einer kompletten Neubesetzung des Managements geführt. „Das einzige verbliebene Puzzleteil dieser alarmierenden Situation könnte immer noch eine mögliche Bilanzfälschung sein“, resümierte sie und blieb bei ihrem Anlageurteil „Underweight“.

Keine Eile zum Einstieg

Anleger sollten sich von dem heutigen Kursaufschwung noch nicht blenden lassen. Dass die Kreditgeber dem Unternehmen mehr Zeit für den Jahresabschluss lassen, heißt nicht, dass alle Probleme gelöst sind.

Allerdings notiert Gerresheimer nun wieder auf dem Kursniveau von Ende 2009. Sollte das Kerngeschäft von dem ganzen Bilanzchaos tatsächlich weniger stark betroffen sein als befürchtet und der Vorstand bald wieder für mehr Visibilität sorgen, wäre das vermutlich ein Katalysator für einen Start in eine richtige Aufholjagd. Allerdings notiert die Aktie trotz des starken Kurseinbruchs auf Basis der gesenkten Gewinnschätzungen mit einem KGV von 15,2. Das ist für die Branche, in der sich Gerresheimer bewegt, im Grunde normal – und erst recht kein Signal, jetzt schon einzusteigen.

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Häufige Fragen zum Thema

Wie schätzt BÖRSE ONLINE die Aktien von Gerresheimer ein?

BÖRSE ONLINE rät aktuell nicht zum Kauf von Gerresheimer-Aktien.

Warum wurde Gerresheimer im April 2026 vom SDAX ausgeschlossen?

Das Unternehmen konnnte bis zum 31.03. keinen vollständig testierten Jahresabschluss vorlegen. Damit wurden die Regeln der Deutschen Börse und des Indexanbieters Stoxx verletzt, die Folge war ein direkter Ausschluss des Unternehmens. Zuvor war Gerresheimer im Dezember 2025 bereits aufgrund der gesunkenen Marktkapitalisierung aus dem MDAX abgestiegen. 

Wer ersetzte Gerresheimer im SDAX?

Zum Stichtag 10. April nahm der bulgarische Technologiespezialist Shelly den Platz von Gerresheimer im SDAX ein.