Der Ölmarkt hat zuletzt viele Marktteilnehmer überrascht. Schneller als erwartet, rutschten die Notierungen für Brent- und WTI-Rohöl in der vergangenen Woche wieder in Richtung ihres Niveaus vor Beginn des Iran-Krieges. Trotz einzelner Zwischenfälle im Persischen Golf überwogen zuletzt die Sorgen vor einem steigenden Angebot – mit erheblichen Folgen für den Ölpreis.
Auslöser der jüngsten Talfahrt war vor allem die rasche Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus. Nach ersten Fortschritten bei den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran konnten immer mehr Öltanker die strategisch wichtige Meerenge passieren. Dadurch gelangten innerhalb kurzer Zeit Millionen zuvor festgehaltener Barrel Rohöl auf den Weltmarkt. Gleichzeitig erhöhten wichtige Förderländer wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Katar ihre Produktion, während der Iran infolge der zeitweisen Lockerung der US-Sanktionen seine Exporte ausweiten darf.
Droht nun ein Überangebot an Öl?
Parallel dazu mehrten sich die Anzeichen eines Überangebots. Händler berichteten von einer ungewöhnlich hohen Zahl angebotener Ölladungen in Europa und Asien. Besonders deutlich zeigte sich dies bei angolanischem Rohöl, das mit den höchsten Preisabschlägen seit mehr als zehn Jahren gehandelt wurde. Hinzu kommt, dass die Nachfrage aus China hinter den Erwartungen zurückbleibt. Asiatische Raffinerien gelten für die kommenden Monate als gut versorgt, sodass zusätzliche Lieferungen nur schwer Abnehmer finden.
Auch die Terminmärkte spiegeln diese Entwicklung wider. Brent-Rohöl wird inzwischen wieder in einer Contango-Struktur gehandelt, bei der kurzfristige Lieferungen günstiger sind als der nächstfällige Kontrakt. Viele Marktbeobachter interpretieren dies als Hinweis auf ein komfortables Angebot. Zwar sorgte der gestrige Angriff auf ein Frachtschiff vor der Küste Omans kurzfristig für steigende Preise, doch dieser Effekt hielt nur wenige Stunden an. Der Markt konzentriert sich derzeit stärker auf das steigende Ölangebot als auf geopolitische Risiken.
Wer auf der Suche nach Stabilität ist, findet diese möglicherweise im BO Stabile Werte Index
Diese Ölaktien zeigen relative Stärke
Für Anleger stellt sich damit die Frage, wie man auf die jüngste Entwicklung an den Ölmärkten reagieren sollte. Interessanterweise zeigten sich mehrere internationale Ölkonzerne zuletzt deutlich robuster als der Rohstoff selbst. Vor allem die Aktien von ExxonMobil, Chevron, Shellund TotalEnergies bewiesen relative Stärke. Der Grund liegt in ihren breit diversifizierten Geschäftsmodellen. Neben der Rohölförderung verfügen diese Unternehmen über große Raffinerien, Chemiegeschäfte, Flüssigerdgasaktivitäten sowie Handels- und Vertriebssparten. Sinkende Rohölpreise belasten zwar das Fördergeschäft, können jedoch gleichzeitig die Raffineriemargen verbessern und dadurch einen Teil der Belastungen ausgleichen.
Hinzu kommen starke Bilanzen, hohe freie Cashflows und kontinuierliche Dividendenzahlungen, die vielen Anlegern gerade in volatilen Marktphasen Stabilität bieten. Während reine Explorations- und Förderunternehmen deutlich sensibler auf den Ölpreis reagieren, sind integrierte Ölkonzerne besser gegen kurzfristige Preisschwankungen abgesichert. Entsprechend fiel der Kursrückgang dieser vier Aktien zuletzt wesentlich geringer aus als der Einbruch des Ölpreises.
Für langfristig orientierte Anleger spricht außerdem, dass diese Unternehmen ihre Investitionen zunehmend breiter aufstellen. Neben dem klassischen Öl- und Gasgeschäft gewinnen LNG, Petrochemie sowie ausgewählte Projekte im Bereich kohlenstoffarmer Energien an Bedeutung. Dadurch sinkt die Abhängigkeit von kurzfristigen Bewegungen des Ölpreises.
Fazit: Die kurzfristige Entwicklung des Ölpreises bleibt aufgrund geopolitischer Risiken, der OPEC-Politik und der Nachfrageentwicklung nur schwer vorhersehbar. Darauf weist auch der mit rund 47 Prozent weiterhin erhöhte CBOE-Ölvolatilitätsindex (OVX) hin, der eine hohe Unsicherheit am Ölmarkt signalisiert. Bei breit aufgestellten Ölkonzernen erscheint die Prognoseunsicherheit dagegen geringer. Ihre diversifizierten Geschäftsmodelle haben sich zuletzt als deutlich widerstandsfähiger erwiesen als der Ölpreis selbst – ein Aspekt, den Anleger bei der Auswahl von Energieinvestments berücksichtigen sollten.
Lesen Sie auch:
Preise fallen schon stark: Droht jetzt sogar eine Ölschwemme?
Oder:
Ölpreis auf tiefstem Stand seit März: Sollten Sie diese Aktie für die Ewigkeit jetzt nachkaufen?