Nach den heftigen Kursverlusten bei Silber suchen Marktteilnehmer nach den Ursachen. Dabei spielt auch eine große Short-Position eine Rolle, die am Freitag geschlossen wurde. Verstärkten Großbanken den Verkaufsdruck, um eigene Verluste zu decken?
Der Silberpreis befindet sich seit Donnerstagabend im freien Fall. Vom Allzeithoch bei 121 Euro von Mitte vergangener Woche sackte der Kurs bis zum Montag zeitweise auf 72,50 Dollar ab. Ein Minus von 40 Prozent. Das ist in absoluten Zahlen der heftigste Kursrückgang der Geschichte, aber auch prozentual eine der heftigsten Bewegungen im Silbermarkt der letzten Jahre.
Lösten Großbanken den Crash aus, um ihre Short-Verluste einzudämmen?
In sozialen Netzwerken und eine Onlineportalen wird diskutiert, was den Kursrutsch ausgelöst hat. War es wirklich nur die Nominierung von Kevin Warsh zum neuen Chef der US-Notenbank Fed, was die Aussicht auf sinkende Zinsen und billiges Geld aus Sicht vieler Experten zunichtemacht? Oder gab es noch einen anderen Auslöser?
Eine alternative Erzählung, die auf Plattformen wie „X“ kursiert, geht so: Einige Großbanken, darunter JP Morgan, hätten riesige Shortpositionen auf Silber aufgebaut und drohten damit hohe Milliardenverluste zu erleiden. Deshalb führten sie gemeinsam einen Kurssturz herbei, um sich wieder günstig mit Silber eindecken zu können und so ihre Verluste zu begrenzen. Als „Beweis“ für diese These wird eine Silberposition genannt, die am Freitag an der Terminbörse Comex geschlossen wurde, und JP Morgan zugeschrieben wird.
Was stimmt an den Gerüchten?
Aus den verfügbaren Handelsdaten lässt sich kein eindeutiger Nachweis dafür ableiten, dass JP Morgan gezielt den Markt manipuliert oder einen großen Sell-off „getrieben“ hat. Auch der suggerierte Sachverhalt, große Banken seien „naked“, also ungedeckt short gegangen und hätten in großem Stil gegen den Markt gewettet, sind so nicht haltbar. Ähnliche Gerüchte waren Anfang Januar schon einmal gegenüber der Schweizer Großbank UBS aufgekommen.
Vermutlich ist es andersherum richtig: Weil so viele Anleger gehebelt auf weiter steigende Silberpreis gesetzt haben, musste es auch ebenso viele Gegenpositionen geben, die durch den Preisanstieg naturgemäß unter Wasser gerieten. Wenn eine Großbank solche Gegen-Deals mit anderen Klienten eingefädelt hat, ist es logisch, dass sie diese auch wieder für sie abwickelt. Das muss nicht heißen, dass dei Bank das Risko auf den eigenen Büchern hatte. Das schließt natürlich nicht aus, dass man den beginnenden Kursrutsch am Freitag – der schon Donnerstagabend nach ersten Meldungen um die Warsh-Personalie begonnen hatte – dazu nutzte, den Sell-off noch durch eigene Trades zu verstärken. Dieser Effekt könnte aber ebenso gut durch andere Marktteilnehmer wie Hedgefods oder Algo-Trader ausgelöst worden sein.
Was seriöse Analysten über Silber sagen
Anders als die Kommentatoren im Netz argumentieren institutionelle Analysten eher nüchtern: Viele erwarten zwar mittelfristig weiter steigende Preise bei Silber, sahen das Edelmetall aber nach der jüngsten Rally, mit einem Kursanstieg um 46 Prozent allein seit dem 1. Januar 2026, als stark überkauft an; ähnliches galt für Gold. Selbst wenn man die bekannten Knappheiten im physischen Silbermarkt und die Nachfrage der Industrie miteinbezieht, sehen die meisten Preis-Prognosen Silber „nur“ zwischen 65 und 70 US-Dollar je Unze bis Ende 2026. Das ist immer noch das Zweieinhalbfache des Silberpreises von vor einem Jahr und entspricht in etwa dem aktuellen Niveau vom Montag.
Auffällig: JP Morgan selbst hatte das Edelmetall einen Tag vor dem Silber-Crash in einem Marktreport als überkauft bezeichnet und vor einem Rücksetzer gewarnt. Silber habe eine historische Rally durch hohe Zuflüsse erlebt, aber die Unterstützungsfaktoren – etwa die physische Nachfrage oder zentrale Reservekäufe – seien schwächer als bei Gold, hieß es dort. Anhänger der Crash-Auslöser-Theorie sehen darin einen Hinweis, dass JP Morgan selbst den Markt zu seinen Gunsten beeinflussen wollte. Das lässt sich aber bei näherer Sicht nicht halten, da jeder Anleger bei einem Blick auf Indikatoren wie den MACD zu einer ähnlichen Einschätzung hätte kommen können.
Warum reagiert der Silbermarkt so heftig?
Mehrere Faktoren erklären die hohe Volatilität, ohne dass Verschwörungs-Theorien nötig wären:
• Nach extrem starken Kursgewinnen von 140 Prozent in 2025 und weiteren 46 Prozent seit Jahresanfang sind Gewinnmitnahme und technisch bedingte Abverkäufe normal.
• Erwartete Zinssenkungen oder geldpolitische Entscheidungen beeinflussen Rohstoffe stark. Das nun mit Kevin Warsh ein Kandidat für den Chefposten der Fed bereitsteht, der seit Jahren dafür plädiert, die Inflation im Auge zu behalten und die Bilanzsumme Notenbank einzudämmen, spricht eher nicht mehr für sinkende Zinsen und belastet daher die Preise für Gold und Silber.
• Die Liquidität am Silbermarkt ist gering. In den vergangenen Wochen hatten die stark steigenden Preise viele neue Marktteilnehmer angelockt. Märkte mit dünner Liquidität neigen jedoch bei großen Orders oder einem starken Anstieg des Handelsvolumens zu überproportionalen Preisbewegungen – auch nach unten. Dazu ist es gar nicht nötig, dass ein einzelner Akteur „den Preis macht“.
• Insbesondere spekulative Anleger, die zum Teil gehebelt in den Silbermarkt eingestiegen sind, müssen bei fallenden Kursen ihre Positionen schnell liquidieren – oder werden liquidiert. Das verstärkt den Abwärtsdruck auf die Preise zusätzlich.
Wie tief fällt der Silberpreis noch?
Eine wirkliche, belegte Verwicklung von Großbanken wie JP Morgan in ein geplantes „Short-Fiasko“ lässt sich nicht dokumentieren. Es gib gleich mehrere Faktoren, die zum Abverkauf am Silbermarkt beigetragen haben dürften. Die spekulativen Anleger im Markt haben diese Volatilität dann zusätzlich verstärkt.
Noch ist nicht absehbar, wo der Silberpreis zum Halten kommt. Einiges spricht dafür, dass dies in der Zone zwischen 65 und 70 Dollar passiert oder etwas darüber. Dort verlaufen im Schnitt die längerfristigen Prognosen.
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