Der Ölpreis ist nach dem Wochenende aufgrund der Eskalation des Nahost-Kriegs wieder ins Zentrum der Finanzmärkte gerückt. Zum Wochenstart wies er in der Spitze ein rekordhohes Tagesplus von über 28 Prozent auf. Droht nun ein massiver Inflationsschub?
Anleger, Unternehmen und Notenbanken fragen sich zunehmend: Droht ein neuer Inflationsschock durch teureres Öl? Tatsächlich könnte die Entwicklung am Energiemarkt in den kommenden Monaten ein entscheidender Faktor für die globale Preisentwicklung werden. Öl bleibt einer der wichtigsten Inputfaktoren für die Weltwirtschaft. Steigende Rohölpreise wirken sich nicht nur auf Kraftstoffe aus, sondern auch auf Transportkosten, Industrieproduktion und zahlreiche Konsumgüter. Entsprechend schnell übertragen sich starke Bewegungen am Ölmarkt auf die Inflationsraten.
Warum der Ölpreis so wichtig ist
Analysten von Goldman Sachs haben in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass bereits ein moderater Anstieg des Ölpreises deutliche Effekte haben kann. Sollte sich der Preis auf einem Niveau um etwa 77 Dollar pro Barrel stabilisieren oder weiter steigen, könnte die US-Inflation wieder in Richtung drei Prozent klettern. Für eine Wirtschaft, die gerade erst begonnen hat, die Preiswelle der vergangenen Jahre zu verdauen, wäre dies ein empfindlicher Rückschlag. Nur zur Erinnerung: der nächstfällige Brent-Kontrakt notiert aktuell über 106 Dollar.
Bemerkenswert ist, dass derzeit vor allem psychologische Faktoren den Ölpreis dominieren. Die Stimmung an den Märkten kann sich aber innerhalb kurzer Zeit dramatisch verändern. Noch vor wenigen Monaten fürchteten Investoren ein Überangebot an Rohöl, weil die globale Nachfrage schwächelte und mehrere Produzenten ihre Förderung ausweiteten. Heute dominiert hingegen die Sorge vor einer massiven Knappheit. Solche Stimmungsumschwünge sind typisch für Rohstoffmärkte und zeigen, wie stark Erwartungen und geopolitische Risiken die Preisbildung beeinflussen.
Ölpreise aktuell nicht prognostizierbar
Ängste waren an den Finanzmärkten jedoch selten ein guter Ratgeber. Gerade im Ölmarkt haben sich extreme Szenarien in der Vergangenheit häufig als übertrieben erwiesen. Daher lohnt sich ein genauer Blick auf mögliche Entspannungssignale. So prüft zum Beispiel Saudi-Arabien, via Pipeline mehr Rohöl über das Rote Meer zu exportieren, um potenzielle Risiken rund um die Straße von Hormus zu umgehen. Eine solche Umleitung der Transportwege könnte die Sorgen vor Lieferunterbrechungen reduzieren und den Markt beruhigen.
Ein weiterer geopolitischer Faktor bleibt der Iran. Ein möglicher Zusammenbruch des Mullah-Regimes würde die geopolitische Lage im Nahen Osten auf einen Schlag verändern und könnte mittelfristig zusätzliche Ölexporte ermöglichen. Aktuell deutet jedoch wenig darauf hin, dass ein solcher politischer Umbruch unmittelbar bevorsteht. Entsprechend bleibt der Ölmarkt stark von Unsicherheit geprägt.
Terminspekulanten erwarten niedrigeren Ölpreis
Für Anleger ergeben sich aus dieser Situation sowohl Risiken als auch Chancen. Während steigende Energiepreise kurzfristig Inflationsängste verstärken können, zeigen einige Marktindikatoren, dass die Erwartungen langfristig nicht unbedingt auf dauerhaft hohe Preise hindeuten. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Terminstruktur beim Brent-Rohöl. Der Markt befindet sich derzeit in einer sogenannten Backwardation. Das bedeutet, dass kurzfristige Lieferkontrakte teurer sind als längerfristige Futures. Dieses Muster deutet häufig darauf hin, dass aktuelle Angebotsängste kurzfristig übertrieben sein könnten. So unterschreitet zum Beispiel der Brent-Kontrakt mit Fälligkeit Dezember 2026 den nächstfälligen aktuell um 25 Prozent!
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