Eines kann man den Silbermärkten derzeit wahrlich nicht attestieren: Langeweile. Nachfolgend erfahren Sie die wichtigsten Gründe, warum der Silberpreis derzeit „verrückte Zeiten“ erlebt und wie Anleger darauf reagieren sollten.

Wer verstehen will, wie außergewöhnlich die Lage am Silbermarkt derzeit ist, muss nicht lange suchen: Der wohl deutlichste Beleg findet sich im Volatilitätsindex auf Silber der Optionsbörse CBOE (VXSLV). Dieses oft als „Angstbarometer“ bezeichnete Maß für erwartete Schwankungen des Silberpreises notiert aktuell bei fast 87 Prozent – dem höchsten Stand seit fast sechs Jahren. Ein derartiges Niveau signalisiert nicht nur starke Nervosität, sondern auch, dass der Markt mit extremen Ausschlägen in beide Richtungen rechnet. Für Anleger ist das ein unmissverständliches Warnsignal: Silber erlebt derzeit alles andere als ein normales Marktumfeld.

Silber - ein Markt unter Hochspannung

Ein zentraler Punkt ist die vergleichsweise geringe Liquidität des Silbermarktes. Im Vergleich zu anderen Anlageklassen – etwa Aktienindizes, Staatsanleihen oder auch Gold – ist das Marktvolumen begrenzt. Schon moderate Kapitalbewegungen können daher erhebliche Preisreaktionen auslösen, was die Volatilität zusätzlich verstärkt. In den vergangenen Jahren hat Silber allerdings eine bemerkenswerte Neubewertung erfahren. Verglichen mit anderen Aktien, Kryptoanlagen, Edelmetallen und ETFs gilt es mittlerweile als zweitwertvollstes Investment – hinter Gold. Laut Daten der Website CompaniesMarketCap liegt die Marktkapitalisierung von Silber mittlerweile bei 5,05 Billionen Dollar.

Für Unsicherheit sorgt zudem die enorme Diskrepanz zwischen Papier- und physischem Silber. Der Handel mit Derivaten, ETFs und Futures übersteigt den real verfügbaren physischen Markt um einen dreistelligen Faktor. Diese Hebelung macht den Markt anfällig für Stresssituationen: Gerät das Vertrauen in die physische Lieferfähigkeit ins Wanken, können Preissprünge entstehen, die mit klassischen Bewertungsmodellen kaum noch erklärbar sind.

Wer auf der Suche nach Stabilität ist, wird möglicherweise im Stabile-Werte-Index von BÖRSE ONLINE fündig

Silber (WKN: 965310)

Engpässe und politische Risiken

Bemerkenswert ist zudem, dass mehrere Marginerhöhungen an der US-Terminbörse Comex innerhalb der vergangenen zwölf Monate weitgehend wirkungslos verpufft sind. Normalerweise führen höhere Sicherheitsleistungen zu einer Reduzierung spekulativer Positionen. Dass dies nicht geschah, deutet auf eine außergewöhnlich robuste – oder riskante – Marktstruktur hin.

Auf der Angebotsseite verschärfen sich die Spannungen weiter. Mehrere Münzprägeanstalten haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Produktion eingeschränkt oder sogar eingestellt. Lieferkettenprobleme, steigende Kosten und regulatorische Hürden treffen auf eine ohnehin angespannte physische Verfügbarkeit. Als weiteres Anzeichen von „Stress“ kann man die teils erheblichen Preisunterschiede zwischen den wichtigsten Handelsplätzen in London, Shanghai und New York interpretieren. Ende 2025 beliefen sich diese zeitweise auf mehr als acht Dollar pro Unze. Solche Arbitrage-Spreads sind in ruhigen Marktphasen ungewöhnlich und weisen darauf hin, dass Silber nicht mehr als homogener Weltmarkt funktioniert, sondern regional fragmentiert gehandelt wird.

Aktuell belasten aber auch Handelsbeschränkungen für chinesische Silberexporte den globalen Markt. China ist nicht nur einer der größten Produzenten, sondern auch ein zentraler Verarbeiter des Metalls. Eingriffe auf dieser Seite wirken sich daher unmittelbar auf Angebot, Preisbildung und Erwartungen aus. Nicht zuletzt steht Silber seit dem Herbst auf der US-Liste kritischer Metalle. Diese Einstufung unterstreicht die große Bedeutung des Metalls, erhöht aber zugleich die politische Dimension des Marktes. Strategische Reserven, staatliche Eingriffe oder Exportkontrollen können damit jederzeit neue Dynamik erzeugen.

Fazit: Silber bietet Chancen, aber zu einem hohen Preis – nämlich in Form extremer Schwankungen und schwer kalkulierbarer Risiken. Wer in diesen „verrückten Zeiten“ investiert, sollte sich der strukturellen Besonderheiten bewusst sein und nur Kapital einsetzen, dessen Volatilität er auch emotional und finanziell tragen kann.

Lesen Sie auch:

Silber schießt über 90 US-Dollar - Gold im Aufwind - so geht es jetzt weiter

Oder:

Gold und Silber mit neuem Rekord: Darum lohnt sich jetzt trotzdem noch ein Kauf