Mehr als 55 Milliarden Euro schütten die DAX-Konzerne in diesem Jahr als Dividende aus. Warum Anleger eine zweite Komponente stärker beachten sollten.
Wenn Deutschlands Topkonzerne zur Hauptversammlung laden, kann es turbulent werden. Die Bosse auf dem Podium müssen je nach Zustand des Unternehmens mit harscher Kritik rechnen. Bei Volkswagen wurde in der Zeit des Dieselskandals elf Stunden lang gestritten. Legendär auch die Versammlung der damaligen Daimler, auf der die Polizei eingreifen musste, um einen Streit am Würstchen-Büfett zu schlichten. Meistens aber geht es friedlich zu. Vor allem in einem Punkt herrscht Harmonie: Der Dividendenvorschlag der Unternehmen wird regelmäßig mit überwältigender Mehrheit angenommen. Bei der Mercedes-Benz Group stimmten in diesem Jahr 99,95 Prozent zu, bei Siemens 99,86 Prozent.
Die Saison der Hauptversammlungen erreicht im Mai ihren Höhepunkt. Dann stehen allein im DAX 19 Termine an, bei denen es unter anderem um die Freigabe von mehr als 25 Milliarden Euro an Dividenden geht. Die Geldausschüttung ist neben der Kursentwicklung die zweite Renditekomponente eines Aktieninvestments. Immer populärer wird eine in den USA längst etablierte dritte Komponente: Aktienrückkäufe. Allein im vergangenen Jahr haben deutsche Unternehmen nach Berechnung des Vermögensverwalters Capital Group rund 20 Milliarden Euro in den Rückkauf eigener Aktien gesteckt. Die größte Summe kam demnach von Siemens. Dort wurden 2,65 Milliarden Euro für dieses Instrument eingesetzt. Zur Orientierung: Als Dividende schütten die DAX-Mitglieder für 2025 etwas mehr als 55 Milliarden Euro aus. Auf jeden Euro Dividende kommen also mehr als 35 Cent in Form von Rückkäufen. Würde das Geld komplett als Bardividende verteilt werden, würde die Dividendenrendite des DAX um etwa einen Prozentpunkt steigen.
Rückkäufe sind so etwas wie eine heimliche Dividende: Während bei der klassischen Ausschüttung Geld direkt auf das Konto der Aktionäre fließt, wirken Rückkäufe indirekt. Sofern das Unternehmen die aufgekauften Aktien dauerhaft aus dem Verkehr zieht, sinkt die Zahl der ausstehenden Papiere. Künftige Gewinne verteilen sich damit über weniger Stücke. Das sollte den Wert jeder einzelnen Aktie steigern, sofern der Rückkauf zu einem angemessenen, im Idealfall günstigen Preis erfolgt. Positiver Nebeneffekt für das Unternehmen: Bei sinkender Stückzahl müssen bei künftigen Ausschüttungen weniger Papiere berücksichtigt werden.
Rückkäufe und Dividende richten sich an zwei unterschiedliche Anlegertypen: Mit der Dividende zieht ein Anleger Geld aus der Aktie heraus. Die Börse reagiert am Ex-Tag mit einem entsprechenden Kursabschlag. Bei sinnvoll umgesetzten Rückkäufen sollte der Aktionär langfristig über Wertsteigerung profitieren. Vor allem für jene, die erst noch ein Vermögen aufbauen, ist das oft die bessere Variante. Durch einen Mix aus Ausschüttung und Rückkäufen werden beide Anlegertypen bedient. Rückkäufe breiten sich in der Börsenwelt immer weiter aus. Während im Jahr 2015 weltweit lediglich 36 Prozent der Unternehmen dieses Instrument nutzten, waren es laut Capital Group im vergangenen Jahr bereits 52 Prozent.
Auch im DAX hat inzwischen eine Mehrheit der Indexmitglieder entsprechende Programme aufgelegt. Besonders tief in die Kasse will SAP greifen. Der Softwarekonzern kündigte Ende Januar an, zehn Milliarden Euro über einen Zeitraum von zwei Jahren für eigene Stücke auszugeben. Das übersteigt sogar das Volumen bei Siemens, Siemens Energy und DHL Group, die über mehrere Jahre verteilt jeweils sechs Milliarden veranschlagt haben. Ein anderer globaler Trend: Rückkäufe wachsen schneller als die Ausschüttung. Seit 2015 ist das Volumen der Rückkäufe um 123 Prozent gewachsen, das der Dividende um 98 Prozent.
Neuer Rekord
Besonders offensiv setzen Unternehmen aus den USA auf Buybacks. Die Unternehmen des S&P 500 haben im vergangenen Jahr erstmals mehr als 1.000 Milliarden US-Dollar für eigene Papiere ausgegeben. Dieser Rekord dürfte nicht lange halten. Goldman Sachs hat errechnet, dass Mitte April bereits 422 Milliarden Dollar vorgemerkt waren, was zu diesem Zeitpunkt im Jahr ebenfalls ein neuer Höchstwert ist. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird sogar mehr Geld für Rückkäufe als für Dividenden ausgegeben.
Rückkäufe sind ein Hilfsmittel, um aussichtsreiche Investments zu entdecken. Das veranschaulicht eine Spezialversion des amerikanischen Aktienindex S&P 500. Für diese werden jene 100 Unternehmen herausgepickt, die in den vergangenen vier Quartalen gemessen an ihrer Marktkapitalisierung die höchsten Rückkäufe aufweisen. Seit der Jahrtausendwende hat dieser Index trotz schwächerer Phasen den breiten Markt geschlagen. Eine Erklärung: Wie bei der Dividende müssen Unternehmen Rückkäufe mit realem Geld bezahlen.
Das können über lange Zeiträume nur solche Unternehmen leisten, die im Tagesgeschäft entsprechend erfolgreich sind. Rückkäufe allein sind allerdings kein Wundermittel. Das sieht man bei SAP. Dort wird die Investmentstory dominiert von der Angst, dass KI-Modelle das Geschäftsmodell des Softwarekonzerns untergraben. Ob das Programm eine gute Idee ist, wird sich erst anhand der längerfristigen Kursentwicklung der Aktie zeigen.
Wenn weniger mehr ist
Auch bei Rückkäufen kommt es auf die Details an. Oberste Priorität bei der Finanzplanung haben Investitionen in das operative Geschäft und die Bilanzqualität. Ein anderer Punkt: Unternehmen neigen dazu, groß einzukaufen, wenn die Geschäfte gut laufen und viel Geld in der Kasse ist. Genau dann aber sind Aktien meist teuer. Ein gutes Unternehmen kauft kontinuierlich zurück. Vorbildlich ist die Allianz. Die Dividende hat dort Priorität, wird aber immer wieder durch Rückkäufe unterstützt. Seit zehn Jahren reduziert der Konzern regelmäßig die Zahl der Papiere. Insgesamt ist der Bestand um rund 17 Prozent geschrumpft. In jenem Zeitraum hat sich der Aktienkurs der Münchner mehr als verdoppelt. Seit Mitte März ist die Allianz wieder aktiv: Bis Jahresende sollen für bis zu 2,5 Milliarden Euro eigene Aktien aufgegriffen werden. Die Summe entspricht knapp 1,7 Prozent des aktuellen Börsenwerts. Hinzu kommt eine Dividendenrendite von knapp fünf Prozent für das kommende Jahr.
Volatiler sind die Rückkäufe bei Mercedes-Benz. Im vergangenen Jahr schüttete der Konzern eine unerwartet hohe Dividende aus, die Summe der Rückkäufe schrumpfte aber von zuvor 4,8 Milliarden auf 325 Millionen Euro. Jetzt werden die Buybacks wieder hochgefahren. Das aktuelle Programm wurde im November gestartet. Der größte Teil der angestrebten Summe von bis zu zwei Milliarden Euro fällt in das laufende Jahr. Analysten halten ein weiteres Programm für machbar. Neben dem Cashflow aus dem operativen Geschäft dürften die Schwaben Extraeinnahmen erzielen, etwa indem sie einen Teil ihrer Aktien der ehemaligen Tochter Daimler Truck abstoßen. Insgesamt könnten sogar bis zu sechs Milliarden Euro über Dividenden und Rückkäufe ausgekehrt werden.
Fazit
Auch im DAX fließt immer mehr Geld in Aktienrückkäufe. Die Aktienmarktstrategen der Commerzbank kalkulieren, dass die Gesamtsumme im DAX 2026 um fast ein Drittel auf 26 Milliarden Euro steigt. Wir haben drei DAX-Werte mit überdurchschnittlicher Dividendenrendite und Rückkäufen herausgesucht.
Dieser Artikel stammt aus der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 19/2026
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*Hinweis auf Interessenskonflikte:
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Allianz, Mercedes-Benz.