Das letzte Sparprogramm ist noch keine zwei Jahre her, da steht der VW-Konzern vor noch tieferen Einschnitten: 100.000 Stellen und vier Werke sollen wegfallen, die Modellpalette halbiert werden. Sogar die Fertigung chinesischer Autos in VW-Werken erscheint möglich.

Nach Informationen des Manager Magazins, die mittlerweile von mehreren voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wurden, arbeitet Volkswagen-Chef Oliver Blume mit seinem Vorstand an einem radikalen Umbauplan für den Konzern. Über diesen sogenannten Rettungsplan soll der Aufsichtsrat am 9. Juli abstimmen. In internen Sitzungen ist demnach von einer „existenzbedrohenden Situation" die Rede. Ohne harte Gegenmaßnahmen drohe Volkswagen bis 2030 dauerhaft unprofitabel zu werden, zitiert die BILD-Zeitung aus einem Beschlusspapier. . VW bestätigte offiziell bislang nur, dass der Konzern an einem Zukunftsplan arbeite, der das Unternehmen „effizienter und schlanker aufstellen" solle. Zu Einzelheiten äußerte sich ein Sprecher nicht.

Am Wochenende sickerten weiter Details durch. Laut BILD.de ist unter anderem eine massive Kürzung der Ausgaben für Investitionen sowie Forschung und Entwicklung geplant. Für den Zeitraum 2027 bis 2031 sollen diese Budgets gegenüber bisherigen Planungen um 50 Milliarden Euro sinken – auf noch 135 Milliarden Euro. Ziel sei eine operative Umsatzrendite von neun Prozent bis 2030 sowie ein operatives Ergebnis von 30,6 Milliarden Euro. Die Gemeinkosten sollen auf rund 37 Milliarden Euro gedrückt werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 verdiente VW operativ 8,87 Milliarden Euro, 2023 waren es noch 22,5 Milliarden gewesen.

Die Börse traut dem Braten aber offenbar noch nicht. Zu stark erscheint der mögliche Widerstand von Politik und Gewerkschaften. Und so verlor VW-Aktie, die bereits am Freitag nachgegeben hatte, am Montag weiter an Boden.

Volkswagen Vz. (WKN: 766403)

Bis zu 140.000 Stellen bedroht

Der heikelste Teil des Plans betrifft die Arbeitnehmer: Das „Manager Magazin“ hatte am Freitag gemeldet, im VW-Konzern könnten bis zu 100.000 Stellen abgebaut werden. Laut „BILD“ liegt die Zahl sogar noch höher: Demnach würden in internen Planungsrunden bis zu 140.000 Arbeitsplätze weltweit als potenziell betroffen eingestuft, davon allein 15.000 in der Technischen Entwicklung. Die Zahl der weltweiten Managementpositionen solle von rund 21.500 auf 16.000 sinken. Dazu solle Entwicklungsarbeit stärker an internationale Standorte verlagert werden, künstliche Intelligenz soll helfen, Tests zu reduzieren und Prozesse zu beschleunigen.

Auf der Streichliste stehen offenbar vier deutsche Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Sie sollen in künftigen Planungsrunden schon keine neuen Fahrzeugmodelle mehr zugewiesen bekommen. Der Grund: Der VW-Vorstand sehe allein in Europa Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen. Nur wenn die Fabriken bis Mitte 2027 massiv auf die Kostenbremse treten, soll es noch eine Zukunft für sie geben. Für die „Transformation“ der Standorte werden laut „BILD“ rund sechs Milliarden Euro veranschlagt.

Modellangebot soll halbiert werden

Die Modellpalette soll laut BILD um rund 50 Prozent reduziert werden, die Zahl der Varianten sogar um bis zu 75 Prozent. Damit würde VW dem Beispiel vieler asiatischer Hersteller folgen, die oft nur wenige Farben und Varianten anbieten, die dafür relativ üppig ausgestattet sind.

Dazu solle die Marke Seat laut „Bild“ von 2030 an keine neuen Modelle mehr auf den Markt bringen. Die sportliche Marke Cupra, deren Absatzzahlen wachsen, solle dagegen fortgeführt werden.

Auch das Beteiligungsportfolio will VW straffen. Es besteht derzeit aus mehr als 2.000 Gesellschaften. Auf dem Prüfstand stehen unter anderem Ducati, der Autovermieter Europcar sowie Joint-Ventures bei Ladenetzen. Daraus erwartet sich Finanzvorstand Arno Antlitz dem Vernehmen nach Erlöse von 10 bis 15 Milliarden Euro.

Bosch-Kooperation gekündigt

Sparen will VW auch bei Kooperationen, die keine Ergebnisse bringen. So hatte VW im Jahr 2022 zusammen mit dem Autozulieferer Bosch die Automated Driving Alliance gegründet, als Gegenangriff auf Tesla und die chinesischen Hersteller beim Thema autonomes Fahren. Nach vier Jahren und rund 1,5 Milliarden Euro Kosten ist die Technik nach Einschätzung von VW noch immer nicht wettbewerbsfähig, selbst die deutschen Konkurrenten Mercedes und BMW sind viel weiter. Deshalb wird die Zusammenarbeit nun beendet.

Statt weiter in eine unzureichende Eigenentwicklung zu investieren, soll nun offenbar eine fertige Lösung am Markt eingekauft werden. Bis Ende September 2026 will Volkswagen laut „BILD“ die Kooperation mit einem neuen Partner vertraglich absichern.

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China-Autos könnten Auslastung erhöhen

Bei Betriebsrat und Gewerkschaften stoßen die Sparpläne erwartungsgemäß auf heftige Kritik. Dass aber selbst die Politik, die bei VW in Form der Landesregierung von Niedersachsen ein Vetorecht hat, nun den Ernst der Lage beim einstigen Vorzeigekonzern erkannt hat, zeigen Aussagen des niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies. Er könne sich vorstellen, dass künftig auch chinesische Fahrzeugmodelle in deutschen VW-Werken gebaut würden, um diese auszulasten, sagte Lies am Wochenende. „Wenn wir Fahrzeuge, die wir bislang in China bauen, auch hier produzieren würden, könnten wir die Auslastung unserer Werke stabilisieren." Es gehe darum, zusätzliche Produkte an die europäischen Standorte zu holen – nicht darum, Produktion aus Deutschland zu verlagern.

Im Blick hat Lies offenbar bestehende VW-Kooperationspartner in China, die nun auf den europäischen Markt drängen; etwa XPeng. Lies warnte davor, sich gegenüber technologischen Entwicklungen aus China abzuschotten. Gleichzeitig betonte er, dass das Land Niedersachsen keiner Entwicklung zustimmen werde, „die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt oder die bewährte Mitbestimmung infrage stellt". Das Land hält 20 Prozent der Stimmrechte im Konzern und hat bei wichtigen Entscheidungen ein Vetorecht.

Fazit für Anleger

Sollte VW-Chef Blume die Sparpläne gegen alle Widerstände tatsächlich umsetzen können, wäre das womöglich ein Befreiungsschlag - auch für die VW-Aktie. Doch ihm läuft die Zeit weg. Einen monatelangen Verhandlungsmarathon kann sich VW nicht leisten. Und so scheint auch die Börse nicht daran zu glauben, das Blumes Plan Realität wird: Die VW-Aktie fällt seit Tagen. 

Der aktuelle Kurs der Vorzusgaktie zeigt, wie wenig die Börse noch von Volkswagen hält. Am Montag sanken die Papiere auf 72,40 Euro, noch unter ihre Tiefststände nach Bekanntwerden des Diesel-Skandals im Jahr 2025. Damit bewegt sich der Kurs der Vorzüge jetzt im charttechnischen Niemandsland. Die nächste, zaghafte Unterstützung bei 54 Euro stammt aus dem März 2010, darunter wäre dann wieder eine große Lücke bis in Regionen um 28 Euro. Dort standen die VW-Papiere zuletzt im Oktober 2008, direkt nach Ausbruch der Finanzkrise.

Nach oben müsste der Kurs zunächst einmal das Gap bei 83,60 Euro schließen, das er am 18. Juni gerissen hatte. Der Anlass dafür war aus Aktionärssicht allerdings erfreulich: VW zahlte eine Dividende von 5,20 Euro auf die Vorzugsaktien. Die Ausschüttung war 17 Prozent niedriger ausgefallen als im Vorjahr. 

Mittlerweile scheint nicht mal sicher, ob VW dieses Dividenden-Niveau im kommenden Jahr halten kann.

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Häufige Fragen zum Thema

Was macht Volkswagen?

Der Volkswagen-Konzern mit Hauptsitz in Wolfsburg ist Europas größter Automobilhersteller. Der Konzern umfasst zehn Pkw-Marken (darunter Audi, Porsche, Skoda und Lamborghini). Außerdem gehört zu VW die Nutzfahrzeugsparte Traton mit Marken wie Scania, MAN, und Volkswagen Truck & Bus. Der Konzern bietet unter dem Namen VW Bank auch Finanzdienstleistungen an. 

Warum beendet VW die Partnerschaft mit Bosch?

Die seit 2022 bestehende Automated Driving Alliance zwischen Bosch und der VW-Tochter Cariad blieb dem Bericht zufolge trotz einer Investition von rund 1,5 Milliarden Euro hinter den Erwartungen zurück.

Was sagt BÖRSE ONLINE zu den Aktien von VW?

Die BÖRSE-ONLINE-Redaktion rät bei den Aktien von Volkswagen aktuell nicht zum Kauf.

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